2014: Gedenkveranstaltung anlässlich der ermordeten ungarischen Juden in der Dult

Am Samstag dem 8. November 2014 fand in Gratkorn die „Gedenkveranstaltung anlässlich der Ermordeten ungarischen Juden in der Dult“ statt. Neben einführenden Worten des Journalisten Maximilian H. Tonsern über die damaligen Geschehnisse in Gratkorn, sprachen Dr. Karl Albrecht Kubinzky, Historiker aus Graz, über die Todesmärsche im Jahr 1945 und Dr. Rainer Possert, über die Geschichte des sogenannten Lager V in Graz.

BEGINN EINER GEDENKKULTUR IN GRATKORN - Zusammenfassung von Maximilian H. Tonsern

Der Ortsteil „Dult“ in Gratkorn wird von vielen Grazerinnen und Grazern als Erholungs- und Spaziergangsgebiet intensiv genutzt. Die Stille im von Einfamilienhäusern besiedelten Gebiet wird von vielen Menschen geschätzt, gerne kehrt man auch in die „Ribiselbar“ ein, um sich einen Schluck des berühmten Ribiselweins zu genehmigen. Im Jahr 1945 hingegen sieht es in der Dult anders aus. Die asphaltierte Straße war ein staubiger Schotterweg, das Gebiet war spärlicher besiedelt, die weiße Farbe des Klosters „Maria Rast“ der Barmherzigen Schwestern, welches sich auch in der Dult befindet, um eine Spur heller. Während rundum die Geschichte ihren Lauf nimmt, sind die letzten Atemzüge des endlich sterbenden Nazi-Deutschlands in der Dult nicht zu vernehmen. Am 04. April 1945 scheint es stiller als sonst zu sein. Am selben Tag setzen sich drei Kolonnen mit 8000 ungarischen Juden und Jüdinnen von Graz aus in Richtung Bruck an der Mur in Bewegung. Die Kolonnen bestanden aus Häftlingen verschiedener Anhalte- und Auffanglager in Graz, unter anderem aus Andritz, Eggenberg und dem Lager Liebenau, die zuvor zu Stellungsbauarbeiten am so genannten Südostwall zwangsverpflichtet wurden. Diese Verteidigungsstellen an der Südostgrenze des damaligen Deutschen Reiches sollten die sich nähernde Rote Armee aufhalten. An den Arbeiten waren auch ungarische Jüdinnen und Juden beteiligt, die Zwangsarbeit leisten mussten. Aufgrund des schnellen Vormarsches der Roten Armee gab man den Südost-Wall aber auf, tausende von ungarischen Jüdinnen und Juden wurden auf so genannte Todesmärsche entsendet. Märsche, die unter anderem zum österreichischen Konzentrationslager Mauthausen führten. Bewacht von Hitlerjugend (HJ), Gendarmerie und alten Volkssturm-Angehörigen, die die Kolonne von Ort zu Ort begleiten, sowie Einheiten der Schutzstaffel (SS) und Sturmabteilung (SA). Zumindest eine Kolonne muss auch durch Gratkorn marschieren. „War ein Jude (...) vor Erschöpfung zusammengebrochen, so gab es für ihn nur einen Genickschuss“, ist in der Chronik der Gendarmerie Gratkorn zu lesen. Bei Gratkorn gelingt es einigen Juden zu entfliehen. Die Wachmannschaft passte vielleicht für einen Moment nicht auf, war durch einen Zwischenfall abgelenkt, übersah möglicherweise die Entfliehenden an einer Straßenstelle. Die abgemagerten Menschen rannten und humpelten in Richtung Dult davon. Die Kulturwissenschafterin Eleonore Lappin-Eppel, die sich mit Todesmärschen ungarischer Juden befasste, spricht von 20 Juden, die entfliehen konnten. Sechs der zwanzig Entflohenen flüchten in die Dult, wo sie um Nahrungsmittel betteln. Wie eine Zeitzeugin berichtete, „würgten sie die rohen Erdäpfel mit der Schale hinunter.“ In der Klosterchronik von damals gibt es laut Auskunft einer Ordensschwester lediglich zu lesen, dass „nur Soldaten da gewesen sind“.

Diese Soldaten waren, zum Unglück der Entflohenen, aber im Morden erfahrene Mitglieder der Waffen-SS-Division „Wiking“. Sie hielt sich nach Kämpfen an der Ostfront in Gratkorn auf. Die Einheit, die unter anderem aus fanatischen Nationalsozialisten aus den Niederlanden und Belgien bestand, machte sich im Kriegsverlauf mehrerer schwerer Kriegsverbrechen schuldig. So auch in Gratkorn. Nachdem bekannt wird, dass Jüdinnen und Juden der Kolonne entflohen sind, macht sich die Einheit umgehend auf die Suche. Die Geflohenen, darunter auch jene in der Dult, werden schnell aufgegriffen, misshandelt, erschossen und verscharrt. Die Kolonne setzt ihren Weg fort. Es wird noch zu weiteren Massakern kommen, das Berüchtigtste davon ist das am 07. April 1945, als am Präbichl mehr als 200 Jüdinnen und Juden erschossen werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zerfall des so genannten Tausendjährigen Reiches wird von der Polizei Graz in Gratkorn ein Grab mit 14 Häftlingen ausgehoben. Die Leichname werden in einem Massengrab am jüdischen Friedhof in Graz beigesetzt. Das andere Grab mit den sechs in der Dult erschossenen Geflohenen bleibt, wie es den Anschein hat, wo und wie es ist. Unberührt. Laut Angaben der Zeitzeugin befindet sich das Massengrab in der Nähe der „Juhatzkurve“, wahrscheinlich am Straßenrand: Heute ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare. Oft sitzen Pärchen Hände haltend auf einer Bank, Autos stehen des Nachts geparkt am Straßenrand. Gras ist im wahrsten Sinne des Wortes über die Sache gewachsen.

Mit der Gedenkveranstaltung, die am 08. November in Gratkorn stattfand, wurde ein erster wichtiger Schritt hin zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit einem schrecklichen Kapitel der Geschichte gemacht. Der Hauptfokus des Abends lag natürlich auf dem schrecklichen Ereignis in der Dult. Ergänzt wurde dies durch interessante Vorträge von Dr. Karl Kubinzky, der einen Überblick über die Todesmärsche und den Kriegsverlauf im April 1945 gab, sowie Dr. Rainer Possert, der über das Lager Liebenau und das jahrzehntelange Verschweigen darüber referierte.

Die zahlreichen Gäste aus Gratkorn und Graz zeigten, dass das Interesse an Aufarbeitung und sinnvoller Gedenkkultur groß, und die Erinnerung an Gräueltaten der Nationalsozialisten nach wie vor da ist.

Natürlich wäre es zu begrüßen, wenn es nicht nur bei der einen Gedenkveranstaltung bleibt: Die Errichtung eines Gedenksteines ist nicht nur deswegen weiterhin das größte Ziel.

Sei erreichen den Autor unter: tonsernm@gmail.com, www.feuilletonsern.at

Weitere Informationen unter:

Mein Bezirk: Gedenken an die in der Dult ermordeten Juden

Radio Helsinki: Gratkorn erinnert sich: Die Geschichte der 20 ermordeten Juden in der Dult