2015: Gedenkfeier am Yom HaShoa Tag: "70 Jah­re Ho­lo­caust in Lie­benau 70 Jah­re Be­f­rei­ung von Aus­schwitz"

Gedenkfeier 2015 - 70 Jahre Holocaust in Liebenau - 70 Jahre Befreiung Auschwitz - Zusammenfassung von Uschi Possert-Lukas:

Es war eine berührende Veranstaltung am 16. April 2015 anlässlich der Gedenkfeier am Yom Ha Shoa-Tag: 70 Jahre Holocaust in Liebenau und 70 Jahre Befreiung von Auschwitz.

An die 130 Gäste kamen in die Neue Mittelschule Dr. Renner in Liebenau, nahmen von den SchülerInnen der NMS und der Volksschule Schönau kleine brennende Kerzen entgegen und lauschten ihren Friedensliedern, persönlichen Gedanken und Gedichten zum Holocaust. „Vergesst nur nicht, wenn wir auch nie mehr wiederkehren, wenn auch die Tage wandern und Jahre,...“ zitiert ein Schüler Peter David im KZ Auschwitz.

In seiner Begrüßung richtet der Obmann des Sozialmedizinischen Zentrums, Rainer Possert, an die Stadt Graz nach wie vor die Forderung nach einer angemessenen Gedenkstätte. „Außergewöhnliche Ereignisse in der Geschichte brauchen ein außergewöhnliches Gedenken!“

In den neuesten Luftbild-Gutachten zum Lager Liebenau, die das SMZ besitzt, ist nun genau ersichtlich, wo sich - metergenau vermessen – im Tatzeitraum zugeschüttete Bombentrichter und Gruben aus dem Jahr 1945 befinden. Der Vorsitzende im Liebenauer Prozess im Jahre 1947, Sir Douglas Young, wurde nämlich in den damaligen Zeitungsberichten mit folgenden Worten zitiert: „Die Zahl der Liebenauer Todesopfer ist weit höher als 53, es liegen dort noch viele unter der Erde.“

Zum Abschluss  weist Possert auf die jüdische Philosophin Hanna Arendt hin, für die Schweigen die nachträgliche Erfüllung von Hitlers Wünschen bedeutet, der auf den Genozid einen Memnozid - eine Tötung des kollektiven Gedächtnisses -  hatte folgen lassen wollen. „Wer das Schweigen privilegiert, macht sich der Komplizenschaft schuldig.“

Der bekannte österreichische Pianist und Vorsitzende von RE.F.U.I.U.S. Rechnitz, Paul Gulda, weist in seiner Rede sehr eindringlich darauf hin, dass Graz oberster Sitz der nationalsozialistischen Befehlszentrale war, die die Todesmärsche organisierte:

„Vergessen Sie niemals, dass Graz die Drehscheibe und Befehlszentrale jener fürchterlichen Geschehnisse war! Von hier aus wurden die Befehle zur Exekution der unzähligen arbeitsunfähigen, ausgemergelten und kranken Zwangsarbeiter gegeben, vertreten durch Gauleiter Sigfried Überreiter und seinem Stellvertreter Tobias Portschy  bis ins burgenländische Rechnitz. Grausamen Verbrechen muss zwangsläufig „Sühne“ folgen, um mit Dostojewskij zu sprechen,“ betont Gulda und weiter:

„Nachdem sich Graz  „Stadt der Menschenrechte“  nennt, muss Graz auch die kollektive Verantwortung der Opfer gegenüber wahrnehmen. Das heißt: Die angemessene Reaktion muss die Errichtung einer Gedenkstätte sein. Unter dem Boden hier in Liebenau befinden sich „Giftstoffe unserer Zeitgeschichte“ – ich berufe mich damit auf den im Burgenland ansässigen Autor Martin Pollak und sein Buch „Kontaminierte Landschaften.“ Kontaminierung muss dekontaminiert werden. Denn das Gift ist ein schleichendes Gift, und schleichendes Gift hindert eine Gesellschaft an ihrer gedeihlichen Entwicklung. Also schaffen Sie Klarheit, bearbeiten Sie diese Tabus! Denn ich habe in den mehr als zwanzig Jahren meines Engagements an der Aufklärung der Verbrechen in Rechnitz eines gelernt: Wir müssen der Geschichte offensiv statt passiv begegnen, damit eine neue Generation heranwachsen kann, die über ihre eigene Geschichte Bescheid weiß und somit immun gegen die Bedrohungen der Gegenwart werden kann!“

In Vertretung des Grazer Bürgermeisters verspricht GR Andreas Molnar und Obmann des Grazer ungarischen Vereins, alles zu versuchen, den Liebenauer Holocaust Opfern, einen Namen zu geben. Auch ein Teil seiner Vorfahren wurde Ende 1944 durch NS-Schergen ermordet. „Nach 70 Jahren,“ so Molnar,  „ist es endlich Zeit, dieses tragische Kapitel der Geschichte in Graz-Liebenau emotionsfrei aufzuarbeiten, um den Nachkommen mehr berichten zu können, aber auch die schrecklichen Ereignisse in Erinnerung zu behalten.“

Nach  einem Gebet von Kantor Alexander Lerner begeben sich die Gäste zum Kindergarten in die Andersengasse 49, wo am 5.April 1991 bei Grabungsarbeiten zum Neubau des Gebäudes die sterblichen Überreste zweier mutmaßlicher Opfer gefunden wurden. Die Skelettfunde wurden still und leise entsorgt, statt Nachforschungen zu betreiben- alles zubetoniert. Luftbildaufnahmen von 1945 zufolge, wurde dieser Kindergarten auf einem riesigen, verfüllten Bombentrichter  errichtet. „Denn Rand des Trichters  haben wir nach Vermessungsangaben mit Kreide markiert,“ sagt Possert. „Ob in diesem Bombentrichter weitere Opfer verscharrt sind, wissen wir nicht, es könnte aber durchaus sein,...“

In Vertretung des Landeshauptmannes, betont Klaus Zenz, Abgeordneter zum steirischen Landtag,  dass die weiße Kreidemarkierung des Bombentrichters ruhig noch viel dicker hätte ausfallen können – „als Zeichen der Erinnerung an die dunkelsten Stunden der Grazer und steirischen Geschichte, aber auch an die Befreiung von der Nazidiktatur vor 70 Jahren! Die Kinder haben noch vor wenigen Minuten „nie wieder!“ gesungen – es geht um das Nichtvergessen! Auch ich werde mich für die Errichtung einer Gedenkstätte am Grünanger einsetzen, denn auch ich habe einen Großteil meiner Familie aus besagten politischen Gründen verloren.“

Jakob Fahrner von den jungen Grünen bedauert in seiner kurzen Ansprache, dass es in Graz, im Gegensatz zu Wien, keine offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung vom NS-Terror am 8.Mai geben wird. Umso wichtiger seien diese jährlichen SMZ_ Gedenken „ Für mich ist eine Gedenkstätte mit Bildungsschwerpunkt hier am Grünanger ein wichtiges Anliegen, sie soll Kinder und Jugendliche in Schulen ansprechen, es müssten Führungen organisiert werden. In diesem Sinne werde auch ich Ihre Forderungen unterstützen!“

Der Gedenkmarsch bewegt sich schließlich weiter zur ehemaligen „Kommandantur“ in der Andersengasse 34, dem einzigen Ziegelgebäude im ehemaligen Lagerareal, das bis heute erhalten geblieben ist. Darin befinden sich das SMZ-Stadtteilzentrum, ein Jugendzentrum und Sozialwohnungen.

Robert Krotzer von der kommunistischen Jugend  erinnert an die vielen Opfer vor allem in den letzten Kriegstagen 1945, die die Befreiung vom Faschismus nicht mehr erleben durften. Er erzählt die ihn prägenden Worte des Widerstandskämpfers Rudi Haunschmid, der den NS-Terror im KZ überlebt hat: „ Robert, du bist jung und ich möchte dir das mit auf den Weg geben: Wenn die Leute sagen, hört´s doch auf mit diesen alten G`schichten und zieht´s endlich einen Schlussstrich - dann sag ja, wir hören auf! Aber nicht wir Jungen müssen aufhören, sondern  alle die müssen aufhören mit den alten Geschichten vom Antisemitismus, von Kriegstreiberei, Rassismus und Nationalismus!“

Als letzter Redner hebt Joachim Hainzl vom Mauthausen Komitee Österreich noch einmal hervor, wie wichtig diese jährliche SMZ-Gedenkfeier am Grünanger mittlerweile geworden ist. Denn auch in unserer heutigen Zeit gibt es wieder verstärkt Bestrebungen, Gebiete mit ethnischen und religiösen Prinzipien zu schaffen. „Hier gilt es wachsam zu sein!“  Hainzl verweist schließlich auf die breit gefächerten Erinnerungskultur-Projekte des Mauthausen-Komitees: „Leider gibt es viel zu viele Orte des Grauens, der Schrecken liegt viel näher als man erwartet.“

Der Holocaust vor der Haustüre. Die dritte Gedenkfeier in Liebenau seit 2013 klingt mit „Hymn,“ einem Akkordeonstück von Aron Jay Kernis, interpretiert von Stefan Mancic und dem Abschlussgebet von Kantor Alexander Lerner aus.