2017: Gedenken 1945 – 2017 Respekt und Würde den Opfern

Gedenkveranstaltung 2017: Gedenken 1945 – 2017 Respekt und Würde den Opfern - Zusammenfassung von Uschi Possert-Lukas

Bei Nieselregen, der dann in ein heftiges Gewitter ausartete, gedachten am 4. April 2017 zum fünften Mal seit 2013 rund 60 TeilnehmerInnen den Holocaust – Opfern in der Andersengasse 32-34, Teilbereich im ehemaligen Lager Liebenau.

Dr. Rainer Possert, SMZ, erinnert in seiner Ansprache an die furchtbaren NS-Verbrechen im Lager Liebenau, das in den letzten Wochen infolge der Bauarbeiten zum Murkraftwerk wieder ins öffentliche Interesse gerückt ist – vor allem durch die archäologischen Funde an der Murböschung und beim Bau der Gasleitung durch den Grünanger.

„Wenn man sich die Dimension der Ausgrabungenvor Augen führt, die ja nur einen kleinen Teil der Bunkeranlagen und des gesamten Areals umfassen, kann man das immer noch Unbegreifliche erahnen, erfühlen. „Am 4. April verlassen ca. 6000 – 8000 Personen Graz in Richtung Mauthausen. Am 7. April marschieren nochmals ca. 1200 Personen Richtung Stubalpe. Viele sind an Typhus erkrankt und leiden unter starker Unterernährung, sie müssen im Freien schlafen und erhalten keine ärztliche Betreuung. Wie viele Menschen an diesem Ort ermordet wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. 53 Opfer wurden 1947 exhumiert, von ihnen wurden 35 erschossen, an die 150 Menschen wurden Anfang April von hier in die SS-Kaserne Wetzelsdorf gebracht, dort erschossen und in Bombenrichtern verscharrt.“

Landtagspräsidentin Dr. Bettina Vollath spricht von einem „Dreier-Spannungsfeld: Bau des Murkraftwerks und Schaffung neuen Wohnraums an einem historisch stark kontaminiertenOrt, wo es gilt, eine optimale Lösung zu finden. Ich bin überzeugt, dass sich alle Beteiligten der Komplexität dieses Themaszutiefst bewusst sind.“

Auch der Präsident der jüdischen Gemeinde Graz, MMag. Elie Rosen richtet seinen Dank an das SMZ als Initiator jahrelanger Ge-denkarbeit und verweist auf die Gedenktafel in der Andersengasse 32-34 als einziges Zeichen der Erinnerung an die Opfer seiner Glaubensbrüder und Schwestern. Gemeinsam halten die Teilnehmerinnen inne und gedenken der Opfer mit einem jüdischen Gebet.

„Kontaminierte Landschaft Grünanger“

Im Anschluss an das Gedenken treffen sich rund 100 TeilnehmerInnen zu Fachvorträgen zum Thema „Kontaminierte Landschaft Grünanger“ in der NMS Dr. Renner.

Rainer Possert verweist in seinem Vortrag auf das Luftbildgutachten der Fa. Luftbilddatenbank Dr. Carls (vom SMZ 2013 in Auftrag gegeben), Grundlage für eine genaue Verortung verdächtiger Strukturen im ehemaligen Lagerbereich. Das SMZ erneuert somit seine Forderungen an die Stadt Graz und ESTAG

1. die lückenlose archäologische Befundung und Erforschung des Gebietes auch in Hinblick auf den Bau des neuen Jugendzentrums und neuer Sozialwohnungen im ehemaligen Lagerbereich,

2. den Erhalt von Mauerresten/Bunkern als Denkmal,

3. weitere historische Forschungen auch unter Einbeziehung der vorhandenen Akten, Pläne und auch Meldedaten bzgl. jener Menschen, die sich im Zwangsarbeiterlager Liebenau aufhieltenund die im Stadtarchiv aufliegen,

4. die Errichtung einer würdigen Gedenkstätte bzw. eines Gedenkparks

Dr. Eva Steigberger, Archäologin und stv. Leiterin des Bundesdenkmalamtes, maßgeblich daran beteiligt, dass 2015 der ehemalige Lagerbereich am Grünanger als Bodenfundstätte im Flächenwidmungsplan eingetragen wurde. Sie erläuterte die genauen Gesetzeslagen im Umgang mit Bodenfunden (z. B  bei Bauarbeiten) die unbedingt – bei Strafandrohung – dem Bundesdenkmalamt gemeldet werden müssen.

Seit 2016 steht der ehemalige NS-Keller des Gebäudes in der Andersengasse 32-34 unter Denkmalschutz. Das Gutachten dafür stammt vom Bauforscher Paul Mitchell. Sensationell seien für ihn die dort aufgefundenen NS-Artefakte und vor allem eine Inschrift und Zeichnung, die von französischen Zwangsarbeitern bzw. Kriegsgefangenen stammen dürften.

Stadthistoriker Karl A. Kubinzky stellte fest, dass gerade die Grazer, noch besser die Entscheider, sich mit dem öffentlichen Gedenken immer schon schwer taten und es heute immer noch tun. Er kam zu Schluss: „Es kann in Graz nicht genug Gedenkstätten an das Morden im Nationalsozialismus geben. Das Potenzial dafür istleider sehr groß.“

Das die Fotogrammetrie ein Bildmessungsverfahren ist, dass auf Grundlage jener Luftbilder vom Lager Liebenau aus 1945 besonders dazu geeignet ist, mit 50 cm Genauigkeit jeden Bombenkrater, jede Aufschüttung oder Grube zu berechnen und zu lokalisieren, beweist DI Gerald Fuxjäger, Ing.konsulent für Vermessung und Geoinformation. Er hat zu sämtlichen Verdachtsstellen im ehemaligen Lagerbereich eine Datenbank erstellt und jede dieser Strukturen auf ein heutiges Luftbild übertragen. „Man bräuchte also nur mit einem Vermessungsgerät hingehen, graben und untersuchen,“ wandte er sich damit indirekt an die Stadt Graz und ESTAG.

Zum Abschluss präsentierte Walter Reiss vom Gedenkverein RE.fugius die historische Entwicklung der burgenländischen Gedenkstätte Kreuzstadl in Rechnitz. Dass dies ein jahrelanger steiniger Weg mit vielen Widerständen war, soll die SMZ-Initiatoren trösten. Obwohl die jüdischen Opfer, die im März 1945 auf niederträchtigste Weise während eines Festes erschossen und verscharrt wurden, bis heute nicht gefunden wurden, könnte der modernst mit 13 gläsernen Schautafeln und Metallsäulen (bei denen sämtliche Infos, auch zum Todesmarsch der ungarischen JüdInnen veranschaulicht und abgefragt werden können) gestaltete Gedenkpark Vorbild für einen künftigen Gedenkplatz in Liebenau sein.

Wenn Sie die genauen Informationen zur Gedenkveranstaltung 2017 und weitere Hintergrundinformationen zum Lager Liebenau nachlesen möchten, dann empfehlen wir Ihnen die Juli-Sonderausgabe 2017 des SMZ-Infos zu diesem Thema.

                                                      

(Fotos von Sigrid Schönfelder)

Weitere Informationen unter:

http://smz.at/gedenkkultur.phtml