Ein Plädoyer für die Armlehne…
Haben auch Sie verschiedenartige Sessel an ihrem Esstisch stehen: welche mit und ohne Armlehnen?
Meine Besuche jedenfalls steuern ganz automatisch die Armlehnen-Sessel an und es gibt immer wieder einmal regelrechte Hierarchiekämpfe innerhalb der Familie, wer darin sitzen darf, z.B.: „Ich bin der seltenste Gast und habe Vorrang,“ oder: „Ich bin heute so furchtbar müde, lasst mich hier sitzen!“ ….Und : BesucherInnen in diesen Sesseln gehen bei Einladungen grundsätzlich als letzter heim!
Betrachtet man dieses Phänomen genauer, wird schnell klar: der Armlehnen-Sessel hat etwas, das kein anderer, auch noch so stilvoller und teurer, armlehnenlose Sessel hat: der Rumpf und die Wirbelsäule können sich seitlich entlasten.
Aus physiotherapeutischer Sicht sollten wir beim Sitzen – vor allem beim längeren Sitzen – auch in Bewegung bleiben. Wir tun es automatisch: stützen uns nach vorne auf, lehnen uns nach hinten, strecken die Beine aus, rappeln uns wieder hoch , überschlagen die Beine, lösen diese Bewegung wieder, rutschen nach vorne weg, kommen wieder hoch, usw. Ständig ist der Körper auch im Sitzen um Veränderung bemüht. Genau hier kommt die Armlehne ins Spiel: nur wenn sie da ist und ideal positioniert ist, kann der Körper sich auch seitlich entlasten. Wir verlagern das Gewicht von einer Seite auf die andere, was eine neue Bewegungsebene und eine zusätzliche Druckentlastung mit sich bringt. Schultergürtel und Halswirbelsäule werden durch die lockere Auflagemöglichkeit für die Arme ebenfalls entlastet.
Dies alles führt zu diesem typischen angenehmen Gefühl in einem idealen Sessel: Sitzen ist dabei Entspannung und nicht Arbeit, daher hält man es auch länger aus. Freilich, die Bedürfnisse sind unterschiedlich, je nach Sitzflächenbereite und Tiefe, Rücklehnenneigung und Armlehnenhöhe, brauchen die individuellen Körpermaße verschiedene Sesselarten. Doch das Armlehneprinzip trifft in jedem Fall zu.
Derzeit sind „Hochlehner“ große Mode, Sessel mit Armlehnen sind „out“. Warum es seit ein paar Jahren in den großen Möbelhäusern wenig bis gar kein Angebot für Armlehnen-Sessel gibt? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein Fehler und für mich unbegreiflich, wieso dies nicht stärker in den vielen Medienkampagnen über eine gesunde Umgebung thematisiert wird.
Man könnte ja sogar noch weiter gehen und Einflüsse auf das Sozialverhalten von Familien daran fest machen.: Der Küchen- oder Esstisch war ja immer schon das Zentrum für die Familie. Hier wird nicht nur gegessen, sondern auch kommuniziert, erzählt, gestritten, verhandelt und oder es werden Hausaufgaben gemacht. Tischgespräche, verbunden mit dem Sitzkomfort, haben hier eine gute oder schlechte Ausgangsposition.
Unbequeme Sessel locken schnell auf die Couch. In manchen Familien gibt es überhaupt keinen Esstisch mehr, da spielt sich ohnehin alles auf der Couch oder der Sofalandschaft ab. Das ist nicht nur physiologisch äußerst bedenklich (Essen im tiefen Sitzen, stundenlanges Lümmeln in ungünstigen Körperpositionen), sondern auch in Verbindung mit dem damit häufig verbundenen Fernsehverhalten familiendynamisch bedeutsam.
Kulturpolitisch betrachtet ist die Sache mit den Armlehnen nicht uninteressant. Hatten doch Königsthron und Ritterstühle immer Armlehnen. Je niedriger der Stand, umso karger wurde es: Sessel für Bauern und Bürger hatte noch wenigstens Rückenlehnen, die Knechte und Mägde saßen auf einem Hocker oder einer Bank ohne Rücklehnen.
Aber auch die Geschlechterfrage spielte hier eine gewisse Rolle. Hatten doch traditionell in den Familien die Väter und Großväter die besten Sessel: nämlich die mit den Armlehnen. Der Rest der Familie musste häufig ohne sie auskommen.
Lassen wir uns also nicht die Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts wieder wegnehmen…!
Sitzkomfort hat mit Lebensqualität zu tun und die Verbesserung unseres Alltags beginnt auch mit einem bequemen Sessel und der hat Armlehnen! Bitte ausprobieren….