Stadtteilgesundheit für Alle!

Was hat der Stadtteil mit Gesundheit zu tun…

ORF Steiermark Hörbeitrag zu “sta.ges”

Mittlerweile hat es sich auch außerhalb von WHO-Kreisen herumgesprochen, dass Gesundheit mehr ist als „nicht krank zu sein“. Gesund sein heißt auch: Menschen zu haben, auf die man sich verlassen kann, sich in seiner Wohnumgebung wohl und sicher zu fühlen, aktiv zu sein, Interessen zu entwickeln und zu pflegen.

Unsere Arbeit im Gebiet Grünanger und Schönausiedlung in Graz beruht auf eben diesen sozialmedizinischen Grundlagen: den Menschen nicht als Ansammlung von Körperteilen und Organen zu sehen, die einzeln behandelt gehören, sondern als soziales Wesen, dessen Wohlbefinden entscheidend von seinen psychischen Bedingungen und seinem Lebensumfeld abhängt.

Neben der Behandlung von Krankheiten ist daher auch die Förderung der Gesundheit unser wichtigstes Anliegen. Um Menschen für Gesundheitsförderung erreichen und aktivieren zu können, braucht man zunächst Netzwerke, in denen sie bereits integriert sind, die sie kennen und benutzen.

Unfreiwillige Nachbarschaft

In manchen Stadtteilen ist dies jedoch ungleich schwerer! Sie sind durch eine Art „unfreiwilliger Nachbarschaft“ gekennzeichnet, wo die Gemeinsamkeit nicht darin besteht, dass man ähnliche Interessen und Wertvorstellungen teilt, sondern sich „nichts anderes“ leisten kann. Viele Menschen fühlen sich in solchen Wohngebieten unwohl, unsicher, bedroht, wollen mit „den anderen“ nichts zu tun haben, da sie keinerlei Gemeinsamkeiten mit „denen“ erkennen können, und sind bestrebt, wo schnell wie möglich umzuziehen, sobald sich „etwas Besseres“ ergibt.

Für die Gesundheit ist dies natürlich nicht förderlich. Angst und Isolation sowie das Gefühl, eigentlich etwas Besseres verdient zu haben sind Stressoren, die krank machen können.

Und hier setzt unsere Arbeit an: Unsere beiden Zielgebiete sind der Grünanger und die Schönausiedlung in Graz. In diesen Stadtteilen ist es besonders schwierig, Menschen dazu zu bewegen, sich in Gemeinschaften einzufügen und zu organisieren. Wir versuchten daher zunächst, Netzwerke aufzubauen, die für die Menschen im Gebiet stellvertretend gesundheitliche und soziale Anliegen vertreten. Wir gründeten eine Stadtteilplattform mit Vertretern der wichtigsten Vereine und Einrichtungen: Jugendzentren, Pfarren, Schulen, Polizeidienststellen, Pflegeeinrichtungen, Sozialamt, Jugendamt und Wohnungsamt der Stadt Graz, Sportunion, Kinderbetreuungsverein WIKI, BezirksvorsteherInnen und SozialarbeiterInnen.

Mit Hilfe von Fragebögen erfuhren wir von den Problemen und Ressourcen im Gebiet. Eine soziologische Analyse, die von der Universität Graz durchgeführt wurde, gab uns Aufschluss über den Anteil an Sozialhilfeempfängern, an Alleinerziehenden, an Gemeindewohnungen im Gebiet etc.

Wie beteiligt man die Menschen?

Der nächste wichtige Schritt war, die BewohnerInnen dieses Stadtteils einzubinden. Wir veranstalteten zwei Stadtteilfeste unter dem Motto „Lebensqualität ist Gesundheit“. Die Menschen sollten uns kennenlernen und auch erfahren, dass in ihrem Gebiet etwas passiert.

Stadtteilfest 3

Blutdruckmessung

Stadtteilfest 1

Physiotherapeutin zeigt Übung

Im Rahmen dieser Feste gab es ein Gewinnspiel mit dem Titel „Deine Idee – Dein Stadtteil“ mit relativ hoch dotierten Preisen. So bekamen wir über 100 Ideen, Wünsche und Vorschläge der Menschen im Stadtteil. Einige davon hier zur Auswahl:

- “Mehr Sicherheit für die Kinder. Optik der Umgebung vom Grünanger. Der Ruf vom       Grünanger sollte verbessert werden.“

- Treff für Frauen, die Deutsch sprechen wollen

- „Den Gartenbereich öffnen für Spiele mit Kindern der Siedlung. Platz und Leben reinbringen. Ich würde die Verantwortung übernehmen für Vandalismus und Co.“

- „Man soll das ganze Jahr über den Garten offen lassen. Die Jugendlichen sollen sich auch selbst unterhalten/ vergnügen/ spielen können.“

Stadtteilfest 2

Blutdruck- und Blutzuckermessung

- Problem: Gewalt im Park gegen „Ausländer“

- Einberufung eines Runden Tisches

- Spielplatz umgestalten

- Musikprojekte in der Schule

- „Erholungspark-Ort auch für die Leute, die keine Chance haben, mit zu spielen. (Rollstuhl-Spielplatz…).“

- „Dass die Post und Bank zusperrt ist nicht in Ordnung.“

Was wurde bisher erreicht?

Wir gründeten ein Stadtteilzentrum am Grünanger in der Andersengasse 32. Dort finden auch unsere laufenden Angebote „Brunch für Alle!“, „Walken an der Mur“ „Round Table Grünanger“ sowie Rechts-, Sozial- und Familienberatung (jeden Donnerstagabend) statt!

Der Brunch am Grünanger ist ein erweitertes Frühstück jeden ersten Donnerstag im Monat, von 10.00 – 12.00 Uhr. Man trifft sich dort zum Plaudern, gesund essen, Austauschen, Anliegen besprechen. Der Brunch ist sehr gut besucht, alle sind willkommen!

Brunch 1

Brunch im Garten für Alle

Wer sich gerne bewegen möchte oder sich einsam fühlt, soll beim Walken an der Mur vorbeischauen. Vor allem Menschen, die individuell keine Bewegung machen wollen oder können nehmen das Angebot gerne an, mit Arzt und Physiotherapeutin zu walken. Zu Beginn werden Eckdaten zu Gesundheit und Risikofaktoren erhoben.

Die Walkinggruppe trifft sich jeden Montag, von 16.00 – 17.00 im Garten der Andersengasse 32.

Was wurde noch erreicht?

Wir konnten durch einen Prekariumsvertrag mit der Stadt Graz einen „Garten für Alle“ eröffnen und gemeinsam mit den Menschen umgestalten:

Wir haben:

-         das gewünschte Musikprojekt mit der Volksschule Schönau in Angriff genommen
-         die Umgestaltung des Spielplatzes gemeinsam mit der VS Schönau und der Polizeidienststelle Finanz in Gang gesetzt
-         die Polizei eingeladen, um über die Sicherheit im Gebiet zu sprechen
-         einen runden Tisch mit Anrainern, Schule, Polizei und Schlupfhaus zur Deeskalation im Gebiet einberufen.

Weitere Deeskalationstreffen fanden zu folgenden Themen statt:

-         „Nachbar schafft Sicherheit“
-         „Wie trenne ich meinen Müll?“, in Kooperation mit dem Verein ProHealth und der Stadt Graz
-         „Was darf mein Kind? Welche Rechte hat es? Was muss ich drüber wissen?“ in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Graz
-        „Wie kann ich Hausbesorger in der Siedlung werden“ in Kooperation mit der GWS und dem Verein ProHealth

Im Vernetzungsbereich „Schulen“…

- …werden unsere Projekte sehr gut angenommen und auch weiterhin gefordert (z.B. „Sturz und Fall“).
- …gründete die Volksschule Schönau im Anschluss an unsere Initiative zum ersten Stadtteilfest einen Elternverein.
- …wurde die Initiative zur Durchführung eines Sommerfestes von der Schule aufgegriffen und von nun an selbständig weitergeführt.

Was haben die Menschen im Gebiet davon?

-         Ihre Mobilität wird erhöht (Walken, Brunch, Sturz und Fall)
-         Gemeinschaftserlebnisse werden gefördert (Feste, Brunch, Garten, Walken)
-         Der Zugang zu gesunder Ernährung wird erleichtert, es werden Alternativen gezeigt (Brunch, Gartenprojekt)
-         Sie übernehmen Verantwortung für Andere-         Sie können Orte der Begegnung nützen (Stadtteilzentrum, Garten)
-         Es entsteht eine Beratungsstelle auf zwei Beinen: Sozialarbeiter und Ärzte schlüpfen z.B. aus der üblichen Rolle heraus und sind etwa bei Festen leichter erreichbar

Finanziert wird das Projekt Stadtteilgesundheit für Alle! (sta.ges) vom Fonds Gesundes Österreich und vom Land Steiermark/ Gesundheit.

Das Projekt „sta.ges – Stadtteilgesundheit für Alle!“ wird finanziert von:

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