Strahlende Steiermark?
Strahlende Steiermark?
„Information gehört unters Volk gebracht!“, so der Strahlenschutzbeauftragte des Landes Steiermark, Dipl.-Ing. Dr. Ewald Plantosar. Er nimmt damit Stellung zu den aktuellen Ereignissen rund um den Reaktorunfall in Fukushima. In der Steiermark funktioniere aber das Informationssystem bei nuklearen Störfällen hervorragend. Seit der auch für Österreich folgenschweren nuklearen Katastrophe von Tschernobyl habe man den Katastrophenschutz in „radiologischen Notsituationen“, so der Fachbegriff, stetig verbessert.
Was passiert nun, wenn ein radioaktiver Störfall eintritt?
Auf internationaler Ebene gibt es frühe Informationsschienen, wonach Staaten verpflichtet sind, sofort über Störfälle zu berichten – und zwar noch bevor Radioaktivität austritt. Auch in der Steiermark gibt es ein lokales „Strahlen-Frühwarnsystem“ mit Messstellen, die auch allen BürgerInen online zur Verfügung stehen:
http://www.umwelt.steiermark.at/cms/ziel/590625/DE/
„Wenn in Krsko Radioaktivität austritt, sehen wir das sofort in der Landeswarnzentrale“, so Plantosar. Und weiter: „Krsko ist von der Bauart her ein sehr solides Kraftwerk. Es verfügt über ein Sicherheitscontainment, also ein Gehäuse aus Stahlbeton. Dies sollte sogar einen Flugzeugabsturz aushalten. Auch die Sicherheitsmaßnahmen sind gut, eine Personalschicht ist permanent auf Schulung.“
Das Problem bei Krsko sei jedoch der Standort in einer Erdbebenzone. Die Auswirkungen eines Bebens in Slowenien würden wir in Graz unmittelbar spüren. Das steirische Frühwarnsystem würde sofort greifen, danach wäre die meteorologische Situation entscheidend: Das Institut für Geodynamik der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) berechnet dann, welche Dosisverteilung und welche Auswirkungen zu erwarten sind und wie viel Zeit man hat, um Schutzmaßnahmen zu treffen.
„Das Entscheidende ist Information“
Die Warnsirenen würden mit einem dreiminütigen Dauerton dazu aufrufen, sofort Fernseher und/ oder Radiogerät einzuschalten. Die Zusammenarbeit der Landeswarnzentrale mit den Medien funktioniere ausgezeichnet und sehr schnell, so Plantosar.
Um die Bevölkerung zu schützen, würde der Landeshauptmann dann gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen verhängen, wie z.B.:
- Verbringen von Nutztieren in Stallungen
- Abdecken von Anbauflächen- Kaliumjodidprophylaxe
- Evakuierungen
- Vernichtung der Ernte im Bereich XY
Die erste und wichtigste Empfehlung bei Reaktorunfällen laute immer: „Verbleiben Sie in Ihren Häusern!“ Dies gelte allerdings nicht für Schlüsselpersonal wie Ärzte, Kraftwerksbetreiber oder Polizisten. Diese müssten ihren Einsatz im Katastrophenfall im Freien versehen.
„Graz wird nie evakuiert werden“!
Evakuierungen, so Plantosar, seien aufgrund der meteorologischen Situation laut Notfallplan nur in Nieder- und Oberösterreich zu erwarten, in der eher Steiermark nicht. Die praktische Durchführung von Evakuierungsmaßnahmen gestalte sich außerdem als sehr schwierig, da es keine Räumlichkeiten für Evakuierungen gäbe.
Ein großes Problem im Katastrophenfall stelle die Aufrechterhaltung der Versorgung dar. Daher empfiehlt Plantosar, immer für mindestens 5 Tage Vorräte zu Hause zu haben, da im Katastrophenfall alle Geschäfte in kürzester Zeit leer gekauft würden. Die Wasserversorgung in der Steiermark sei jedoch kein großes Problem, so Plantosar. „Die Radioaktivität braucht sehr lange, bis sie ins Grundwasser gelangt“. Er empfiehlt aber dennoch, Mineralwasser einzulagern. Auch die Kaliumjodidprophylaxe gehöre in die Hausapotheke, so Plantosar. Vor allem Kinder sollten nach einem radioaktiven Störfall unbedingt Kaliumjodid bekommen. Ab einem Alter von 40 Jahren mache die Verabreichung nicht mehr so viel Sinn, da Schilddrüsenkrebs eine sehr lange Vorlaufszeit habe und man ihn vermutlich nicht mehr erlebe.
Bei der Abgabe von Kaliumjodidtabletten gelten folgende Richtlinien:
Säuglinge und Kleinkinder erhalten 1 Tablette pro Tag
Kinder von 3-12 erhalten 1 Tablette pro Tag
Kinder und Jugendliche von 12-18 erhalten 2 Tabletten pro Tag
Erwachsene von 18 – 40 Jahren erhalten eine einmalige Dosis von 2 Tabletten
„3 Tage nicht lüften!“
Im Ernstfall sollte man in geschlossenen Räumen bleiben und zumindest drei Tage nicht lüften, außer man habe ein ausgeklügeltes Belüftungssystem. Ein Aktivkohlefilter im Belüftungssystem würde als Schutzmaßnahme reichen.
„2/3 der Kontamination ist durch Ausziehen weg!“
2 Sofortmaßnahmen, die ca. 90% einer direkten Strahlenkontamination beseitigen können, sind:
1. den Betroffenen ausziehen
2. mit Betaisodona abwaschen
Auch Seife, so Plantosar, sei gut geeignet, um Radioaktivität abzuwaschen.
Auf die aktuelle Katastrophe in Fukushima angesprochen erklärte Plantosar, in Fukushima habe ein kontrollierter Abgang von Radioaktivität stattgefunden. Der Hauptanteil der ausgetretenen Radioaktivität ging ins Meer. „Die 20km-Zone um Fukushima“, so Plantosar, „wird allerdings die nächsten Jahre unbewohnbar bleiben!“
„Österreich hatte bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl den größten Fallout in Westeuropa!“
Gustav Mitelbach, Rainer Possert und Heike Possert-Lachnit erinnerten anlässlich des 25. Jahrestages an die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die Situation in Tschernobyl war laut Plantosar wesentlich dramatischer als in Fukushima: durch einen Graphitbrand konnte die Radioaktivität in höhere Luftschichten gelangen und sich über ganz Europa verbreiten. In Krsko gäbe es aufgrund der Bauart des Kraftwerks auch keinen Graphitbrand, dort wäre vor allem die direkt umliegende Zone am stärksten betroffen, die Steiermark hingegen eher weniger.
„Die Trennung zwischen Politik und Gesundheit funktioniert nicht“
Gustav Mittelbach resümiert die Aktivitäten des SMZ in den 1980er Jahren rund um Tschernobyl: „Es gab kaum Informationen damals, auch nicht über die MultiplikatorInnen wie Ärzte oder LehrerInnen. Es gab auch keine überregionalen Alarmpläne.“ Die Praxisgemeinschaft des SMZ gründete daraufhin die steirische Initiative gegen atomare Bedrohung, an der unter anderem Ärzte, Atomphysiker, Biologen, Chemiker und Lehrer teilnahmen. Mitglieder der Initiative fuhren in der gesamten Steiermark herum, verbreiteten Informationen und klärten die Bevölkerung auf.
Als Konsequenzen von Tschernobyl wurden Grenzwerte für Radioaktivität und die Kennzeichnung für Lebensmittel eingeführt. Gustav Mittelbach gibt aber zu bedenken, dass „die Trennung zwischen Politik und Gesundheit nicht funktioniert“. So darf die WHO z.B. nicht zur Radioaktivität und deren Auswirkungen forschen. Dies wurde von der Atomlobby bereits in der Grundsatzlegung der WHO verhindert.
Die Forschung zu Radioaktivität ist überhaupt ein Problem, da man natürlich keine Versuchsanordnungen machen kann. Alle Daten, die wir über die gesundheitlichen Auswirkungen von erhöhter Strahlenbelastung haben, stammen von den Bombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki.
Man verfolgte die gesundheitliche Entwicklung von 6300 Personen von denen man wusste, welche Dosis sie abbekommen hatten.
Politische Aktionen des Landes Steiermark:
1. In Venedig wollte man drei Kernkraftwerke errichten, Land Steiermark brachte eine Petition hin und wies auf die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern und auf die Touristenströme aus Österreich hin. Die Kraftwerke wurden nicht gebaut.
2. Man erhob eine Klage bei der Europäischen Kommission wegen Mohovce, da dieses trotz seiner veralteten Technologie ausgebaut werden sollte. Das UVP-Verfahren dabei war nicht ordnungsgemäß und es ist kein Sicherheits-Containment geplant.
3. Die Landesregierung fordert die Schließung von Krsko, was eventuell eine Verlängerung der Lizenz verhindern könnte.
Abschließend gibt Plantosar zu bedenken, dass die Steiermark noch vor 15 Jahren 100% ihres Energiebedarfs selbst abdeckte.! Heute sind dies nur mehr 60%. Man kann daher nicht mit der Logik fortfahren, dass man jedes Jahr mehr Energie braucht und neue Kraftwerke baut. Es sollten endlich die Energiespar-Lösungen im Vordergrund stehen. Alleine durch das Ausschalten des stand-by-Betriebs elektronischer Geräte könnte sehr viel Energie gespart werden.