2016: Vortrag: "Überwiesen vom Lagerarzt: Zwangsarbeiterinnen des Lager Liebenau als PatientInnen der Grazer Universitäts-Frauenklinik"

Betroffene Mienen bei den über 30 TeilnehmerInnen beim Vortrag von Dr.phil. Gabriele Czarnowski vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Medizinische Universität Graz, Ende November 2016 im SMZ+Stadtteilzentrum Jakomini. Eine Zusammenfassung von Uschi Possert

Schon 2007 hatte die Referentin auf Einladung des SMZ erstmals über ihre Studien von medizinischen Versuchen Grazer NS-Ärzte an Ostarbeiterinnen an der Frauenklinik berichtet, mittlerweile sind mehr und mehr Dokumente aufgetaucht, die die grausamen Behandlungen an der Klinik bestätigen. Fakt ist mittlerweilen auch, dass Ende 1944 PatientInnen aus dem Lager Liebenau für Abtreibungen und medizinische Versuche rekrutiert wurden, das Lager - einer von neun eigens dafür bestimmten Orten in der Steiermark.

Rainer Possert, Obmann des SMZ, erinnert in seinem Begrüßungsstatement an den notwendigen Prozess des Erinnerns an die Gräueltaten des NS-Regimes in Graz und bedankte sich für die akribische internationale Recherche bei Dr. Czarnowski. Ein aktueller Bezug sei derzeit rund um die Diskussion um das geplante Murkraftwerk gegeben und die damit verbundenen Bauarbeiten, die ja in den ehemaligen Lagerbereich am Grünanger reichen, wo Massengräber vermutet werden. Außerdem sollen in naher Zukunft am Grünanger auch weitere Sozialwohnungen „ohne Keller“ gebaut werden.

Im Lager Liebenau waren während des Zweiten Weltkriegs neben Kriegsgefangenen und männlichen Zivilarbeitern auch Frauen und Mädchen aus vielen europäischen Ländern untergebracht, die in der Kriegswirtschaft des „Dritten Reiches“ (zwangs-)arbeiteten, die meisten bei der Steyr-Daimler-Puch AG - dem „Grazer Puchwerk“, das über eine Fußgängerbrücke über die Mur zu erreichen war.

Aus den Ambulanzbücher der Universitätsfrauenklinik Graz

Die meisten der Lager-Liebenau-Patientinnen kamen aus der Ukraine und Russland, weniger zahlreich waren Polinnen, Französinnen, Italienerinnen und Kroatinnen, Serbinnen, Ungarinnen oder Frauen aus dem Protektorat Tschechei.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen jene Ambulanzbuch-Blätter über Patientinnen aus dem Lager Liebenau, die vom Lagerarzt wegen Schmerzen im Unterbauch,

Blutungen oder fehlender Blutungen an die Frauenklinik überwiesen worden waren. Die meisten Mädchen und Frauen aus Russland, Polen und der Ukraine kamen jedoch mit der Überweisung zur „Interruptio“ – Schwangerschaftsabbruch.

Die Referentin zeigte mehrere dieser Ambulanzbuchblätter, z. B. von der 18jährigen Olga O., die im Feber 1944, im zweiten Monat schwanger, in die Klinik kam. Oder Nadja, 20 Jahre alt, schwanger und Schmerzen im Unterbauch. Über die Abtreibung hinaus (die Akte vermerkt: Punktion mit Formalin und Umbrathor ... 2 Steinsche Kuren, Fehlgeburt nach 6 Tagen, eine „männliche Frucht“) mussten beide Frauen missbräuchliche chirurgische Eingriffe zum Zweck der medizinischen Erforschung durch den Klinikchef Karl Ehrhardt erleiden. Olga war eine von 85 jungen Schwangeren, an denen Ehrhardt den so genannten „Schuchardtschnitt“ durchführte, ein tiefer Scheiden- Damm- und Beckenbodenschnitt, der ganze Nervenstränge durchtrennte. Ehrhardt, der diese chirurgische Technik nur mangelhaft beherrschte, „übte“ diesen Schnitt an den Frauen.

Durch Einträge, z. B. zu Patientinnen wie Nadja S., Nadja P. oder Sonja S., stellte sich für Czarnowski auch die Frage, woher wusste der Lagerarzt so genau über die ausbleibende Regel der Frauen Bescheid? Gab es eine Kontrolle der Wäsche? Fiel bei den Zwangsarbeiterinnen auf, dass sie keine der Papierbinden anforderten? Mussten die jungen Frauen einen Menstruationskalender führen und vorlegen? Leider wisse man darüber nur sehr wenig. Was geschah, wenn die jungen Frauen gar nicht schwanger waren? Das Ausbleiben der Regel bei Mädchen und Frauen aus Italien, Frankreich oder Deutschland sahen die Ärzte als Antwort auf ungewohnte, harte Lebensumstände. Dies wurde bereits nach dem ersten Weltkrieg als „Kriegsamenorrhoe“ diagnostiziert und diskutiert. Sie verschrieben eine Hormontherapie, die sich zu dieser Zeit noch in einem weitgehend experimentellen Stadium befand. Doch kam diese vornehmlich „erbgesunden, deutschen“ Frauen und Mädchen zugute.

Die „Abteilung Gesundheit“ und die Lagerärzte in Liebenau

Eine so genannte „Abteilung Gesundheit“ ist im Lager Liebenau durch einen eigenen Stempel auf den Überweisungsscheinen in den Ambulanzbüchern nachgewiesen. Dort finden sich auch die Unterschriften der Lagerärzte Dr. med. Karl Müller oder Dr. med. Otto Stockhammer.

Müller scheint in den Ambulanzbüchern nicht nur als Lagerarzt auf, sondern auch als Betriebsarzt der Steyr Daimler Puch-AG, Werk Graz. Als solcher hatte er mit der Überprüfung und Feststellung des Krankenstandes auch von österreichischen Beschäftigten zu tun. 1930 war Lagerarzt Müller zudem Mitglied im Deutschen Turnerbund und Steirischen Heimatschutz (Richtung Kammerhofer), er war Mitglied der NSDAP (Nr. 6.264.227), illegal bei der SA und ab Feber 1938 bei der SS. Es existiert sogar eine zeitgenössische Personenbeschreibung [Olga M, TNA]: Größe 5 Fuß 7 (5‘7‘‘), blondes Haar, blaue Augen, schmales Gesicht, ausgeprägtes Kinn. Alter ungefähr 33 oder 34 Jahre. Lebte in Graz mit Frau und Kindern.

Dr. Otto Stockhammer, der Müller oft assistierte, wurde folgendermaßen beschrieben: „Mittlere Größe, weißes Haar, langes schmales Gesicht, sauber rasiert, Alter um die 60 Jahre. Lebte in einem kleinen Dorf unbekannten Namens in der Nähe von Graz. Festgenommen von den Briten am 4.8.1945 und in ziviler U-Haft.“

Das Lager Liebenau als Abtreibungsort

Im November 1944 wurden die Orte der Abtreibungen an Zwangsarbeiterinnen neu festgelegt. Ein Erlass der Reichsstatthalterei bestimmte, dass die Schwangerschaftsunterbrechung bei Ostarbeiterinnen“ nicht mehr in den Gaukrankenhäusern (mit Ausnahme von Rottenmann, Hartberg und Wagna), sondern in den Lagern selbst durchzuführen seien. „Ausschließlich“ zuständig für Graz Stadt und Land sowie die Kreise Deutschlandsberg, Feldbach, Voitsberg und Weiz waren „von nun an“ das Lager Liebenau und das Lager Steinfeld. Dass Abtreibungen jedoch schon vor November 1944 im Lager Liebenau ausgeführt wurden, belegt eine britische Ermittlungsakte wegen eines vermuteten Kriegsverbrechens in den Steyr-Daimler-Puch Werken.

Ausgangspunkt waren Ermittlungen im Lager Cine Citta in Rom gegen Olga ihailovic, einer serbischen Medizinstudentin, die von August 1944 bis März 1945 im Lager Liebenau als Rotkreuz-Krankenschwester gearbeitet hatte. Sie wurde im Cine Citta von einer polnischen Zeugin erkannt, die im Lager Liebenau interniert gewesen war und sie wegen ihrer Mitwirkung an Abtreibungen und Sterilisationen anzeigte.

Wie aus einem Dokument von 1947 hervorgeht, gab Olga Mihailovic zu, daß sie bei Abtreibungen engagiert und als Hebamme tätig war, nicht jedoch bei medizinischen Experimenten. Bei einer Durchsuchung ihres Zimmers im Cine Citta Camp fand man einen deutschen Pass und mehrere Fotos. Eine dieser Aufnahmen zeigt die Belegschaft, Dr. Müller ist darauf mit einem Kreuz gekennzeichnet.

Nach Aussage anderer Zeugen wurden diese Operationen von Dr. Müller unter Assistenz von Dr. Stockhammer durchgeführt, nachdem die Erlaubnis dazu von der örtlichen Ärztekammer eingegangen war. Um den Eingriff als legal erscheinen zu lassen, musste jede schwangere Frau eine pro-forma Erklärung unterschreiben, dass sie mit dem Eingriff einverstanden sei. Die erforderlichen Unterschriften kamen offensichtlich unter Zwang zustande. Den Frauen wurde gedroht, dass sie, falls sie sich weigern würden, abzutreiben, die vollen Kosten für die Geburt ihres Kindes zu tragen hätten, dem es überdies in jedem Fall nicht erlaubt werden würde, am Leben zu bleiben. Der britische Berichterstatter, Sergt.Tomlinson, wies auch darauf hin, dass Dokumente über diese Operationen an den Frauen bei der Ärztekammer (Radetzkystr. 20) vorhanden seien.

Czarnowskis Vortrag endete mit einem interessanten Hinweis: „Im letzten Absatz seines Schreibens thematisierte Sergt. Tomlinson z u s ä t z l i c h jene Verbrechen im Lager Liebenau, die seit 2011 – besonders durch die Aktivitäten des SMZ – wieder ins Blickfeld gerückt sind: „Diese Aussagen enthalten Beobachtungen darüber, dass eine Anzahl Juden in diesem Lager waren, die sehr schlecht vom camp staff behandelt wurden. Etwa 30 sollen erschossen und im Lagerbereich begraben worden sein.“

Publikumsdiskussion

„Gibt es über die Schwangerschaftsabbrüche keine Berichte von Überlebenden?“ wurde Czarnowski aus dem Publikum gefragt.

Antwort: „Über dieses Thema ist kaum gesprochen worden, auch später in den Familien ist Abtreibung oder Zwangssterilisation von Angehörigen ein Tabuthema. Man sagte nur: „Das kam vor, es waren ganz schwierige Zeiten,...“ Obwohl ich 85 Namen von Frauen habe, die sich dieser Operation unterziehen mussten, gibt es keine mündlichen Überlieferungen“.

“Hat es sich dabei um eine systematische Vorgangsweise der NS-Ärzte gehandelt?“

Czarnowski: „Ja, es war System. Die Entscheidung der Ärzte, wer quasi zur Abtreibung gezwungen wurde – hauptsächlich Ostarbeiterinnen – war eine Politisch-Rassistische, da ging es um „nicht lebenswertes“ Leben. Italienische, französische oder auch österreichische Arbeiterinnen durften ihres Babies zu Welt bringen, weil von ihnen keine „volkstums-politischen Gefahren“ ausgingen.“

Ein Vertreter des Stadtarchivs informierte, dasses im Stadtarchiv Schachteln voll mit Melderegister-Blättern, auch aus dem Lager Liebenau, gäbe, die einer Aufarbeitung harren. Darin sei genau verzeichnet, wer, wann und wo im Lager untergebracht worden war.

Ein Diskussionsteilnehmer wies darauf hin, dass der Name „Dr. Müller“ auch in Zeitzeugenberichten in der Zeitung „Die Wahrheit“ genannt wurde. Im „Liebenauer Prozess“ 1947 tauche ebenfalls die Frage nach einem Dr. Müller im Zusammenhang mit den Judenermordungen im Lager Liebenau auf. Seine Rolle war jedoch interessanterweise nicht Gegenstand des Prozesses.

Schließlich wurde noch nach den historischen Quellen hinsichtlich steirischer NS-Ärzte gefragt.

„Aus dem Archiv der Ärztekammer, so Czarnowski, „sind sämtliche Akten verschwunden, übriggeblieben sind nur die Aufzeichnungen von Gynäkologie-Facharztprüfungen und Befragungsbögen der britischen Besatzung, aus denen hervorgeht, welche Stellen Ärzte besetzt haben“. Eine Dame im Publikum erklärt sich das so, dass es ungeheure Angst vor der Roten Armee und Strafverfolgungen gegeben haben musste und man deshalb alle belastenden Akten auf Anordnung von Gauleiter Uiberreither verschwinden ließ.

Gibt es auf der Frauenklinik eigentlich schon die Gedenktafel, die vor Jahren im Gespräch war?

Czarnowski: „Nein, so weit ich weiß, gibt es noch immer keine Gedenktafel. Und auch das SMZ weist darauf hin, dass nach vier Jahren politischer Versprechen im Rahmen der jährlichen Gedenkveranstaltungen, im Lager Liebenau eine Gedenkstätte zu errichten, immer noch nichts dazu unternommen worden ist. „Im April 2016 haben wir dann im Namen der SMZ-MitarbeiterInnen eine eigene Gedenktafel enthüllt!“