Das neue SMZ-Info ist da!

Editorial von Rainer Possert

Aktuelle Downloadausgabe des SMZ-Info

Vor 30 Jahren habe ich als praktischer Arzt in der Neudorferstrasse in Liebenau mit meiner Arbeit begonnen  –  im Oktober 2014 wird das SMZ 30 Jahre alt.  Vor der Gründung der Praxisgemeinschaft haben wir das damals einzige Modell einer Kooperation von ÄrztInnen mit anderen Berufsgruppen im deutschsprachigen Raum besucht -  die  leider nicht mehr existierende Gruppenpraxis Plaffenwatz am Waffenplatz in Zürich.

Im Laufe dieser Jahre sind noch viele „alternative“ Projekte auf der Strecke geblieben, auch das Interesse an der Diskussion  über gesellschaftliche Alternativen zu marktwirtschaftlichen (kapitalistischen)  Herrschaftsformen hat schwer gelitten.

Umso mehr freut es uns, dass das SMZ wieder zu einem Objekt des Interesses geworden ist – am 9. Februar haben uns 14 KollegInnen aus Hamburg, Leipzig, Berlin und Göttingen besucht, um über  unsere Modell und unsere Erfahrungen zu diskutieren und neue Kooperationsformen aufzubauen. In einer sehr gut besuchten Veranstaltung informierten die  KollegInnen über die Privatisierung des öffentlichen Gesundheitswesens Deutschland und der Zunahme des Privatmarktes bei niedergelassenen ÄrztInnen. In diesem Zusammenhang problematisierte der Geschäftsführer des Gesundheitsfonds Steiermark, Hofrat Harald Gaugg die Zunahme der Wahlärzte,  die das Zwei-Klassenmodell in der ambulanten Versorgung vorantreiben.

Ein besonderes  Augenmerk legen wir in dieser Ausgabe auf die Geschichte des Bezirkes –den Massenmord an ungarischen Jüdinnen und Juden vor 68 Jahren -  dessen Gedenken nunmehr zum ersten  Mal in Graz überhaupt stattfindet. Die Todesumstände der Opfer  reichen von der Verweigerung ärztlicher Hilfeleistung – vorhandene Medikamente wurden den an Typhus Erkrankten nicht verabreicht - bis zum Erschießen der an Hunger Geschwächten. 1947 wurden 56 Ermordete exhumiert,  wie viele Menschen jedoch wirklich den Tod fanden und unter Umständen in diesem Gebiet verscharrt blieben,  ist bislang ungeklärt.

Obwohl vor allem Dr. Gustav Mittelbach, Heike Possert-Lachnit und ich seit  Beginn unserer Berufstätigkeit  immer wieder PatientInnen fragten, wie der Grünanger entstanden sei, erfuhren wir lediglich von „deutschen Aussiedlern“, die hier beherbergt wurden, nie war die Rede davon, dass sich am Grünanger mit 5000 Gefangenen das größte Zwangsarbeitslager in Graz befand. Auch unsere ehemalige Mitarbeiterin Dr. Saskia Dyke, die  1999 eine umfangreiche Dissertation über den Grünanger verfasste, erhielt keine Kenntnis von diesen Ereignissen.

Seit im Jänner 2013 Luftaufnahmen der britischen Luftwaffe zugänglich gemacht wurden, hat sich das Rätsel der Gründungsgeschichte und der Siedlungsstruktur des Grünangers gelöst. Auf den Ruinen des zerbombten Nazilagers, auf  den  „Gräbern“ der Ermordeten,  wurden  vermutlich neue Baracken oder Gebäude errichtet, zuerst für Flüchtlinge,  später für „arme Leute“.

Das so genannte „Glasscherbenviertel“ soll einen „schlechten Ruf“ der BewohnerInnen wegen gehabt haben. Tatsächlich wurden am Grünanger jahrelang Menschen gefangen gehalten und in den letzten Kriegstagen auf das Grausamste ermordet. Zwei Gruppen von Menschen haben von den Ereignissen gewusst: die Nationalsozialisten in Graz,  die sich als „Ehemalige“ in vielen (auch medizinischen) Institutionen etablierten und als Teil der Grazer Oberschicht diese bösartigen Geschehnisse bewusst verschwiegen und damit strukturelle Gewalt ausübten. Auf der anderen Seite  BewohnerInnen des Grünangers oder in Liebenau, deren Stimmen leise waren und nicht gehört werden wollten oder die aus guten Gründen die Geschehnisse verdrängt oder vergessen haben.

Als ich vor wenigen Tagen mit einem Bewohner des Grünangers über die Geschichte seines Wohngebietes sprach, hörte ich folgendes Satz: „Wir wissen das schon lange, Herr Doktor,  man glaubt immer, wir interessieren uns für wenig, aber das stimmt nicht, was glauben Sie, warum es hier keine Keller gibt!“

So wie die persönliche Geschichte eines Menschen häufig  den Zugang zu seinen seelischen und körperlichen Leiden eröffnet und erst damit Heilung möglich ist, so wichtig ist es für ein Gemeinwesen, die strukturelle Gewalt des „Vergessen-Müssens“  zurückzuweisen und sich der Vergangenheit zu stellen - mag sie auch lange zurück liegen und mögen die Gedanken an das Geschehen schmerzhaft sein.