Die ersten drei Wochen

Es folgen hier die Erfahrungsberichte von einigen Mitarbeiter*innen des SMZ zur Covid19-Situation. Das multiprofessionelle Team hat hier, jede Person für sich, Erfahrungen, Lessons Learned und persönliches Erleben der neuen Situation zusammengefasst.

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Diana Holler

Sozialarbeit

Seit das SMZ-Hilfs-Netzwerk am 16.03.2020 gegründet wurde, tätigten wir in drei Wochen zu dritt 165 (Telefon-)Gespräche. Anna, meine Kollegin, war montags bis freitags immer von 10 bis 14 Uhr erreichbar, ich von 14 bis 18 Uhr. Besonders unsere bekannten Projekt-Teilnehmer*innen benötigten viel Unterstützung – mit einigen sprachen wir in den letzten zwei Wochen mehrmals und intensiver. Viele dieser Personen wohnen alleine und einige hatten die meisten sozialen Kontakte durch den Mittagstisch, das Bandcafé oder den Brunch. Wir unterstützten einige unserer Teilnehmer*innen und bekannte Klient*innen in dieser Zeit bei finanziellen Angelegenheiten, Pflegethemen oder der Lebensmittelorganisation.

Für mich schien zu Beginn der Corona-Maßnahmen eher ungewiss, wie unsere Angebote weitergeführt werden könnten, ob und wie wir als SMZ überhaupt in dieser Zeit arbeiten würden. Unsere Gruppen und Projekte in den Stadtteilen Liebenau und Jakomini zum Beispiel, lassen sich nicht so einfach durch telefonische Beratungen ersetzen. Doch wir bemühten uns, alle Projekte in veränderter, der Krise angepassten Form weiterlaufen zu lassen. Mir gefällt sehr gut, dass einige unserer Projekt-Teilnehmer*innen nun für den Mittagstisch Rezepte sammeln und für das Bandcafé Songs komponieren oder ihre musikalische Seite online über Facebook teilen möchten. Damit bleiben die Projekte sichtbar aktiv und die Teilnehmer*innen leben auch zu Hause ihre kreativen Adern aus, wenn sie Lust dazu haben. Auch für die restlichen Projekte, wie die Selbstwertgruppe, finden sich mit der Zeit Ideen diese anders umzusetzen.

Was mir besonders auffällt, ist, dass ich jetzt gerade vermehrt (telefonische) Einzelkontakte zu den Menschen pflege, die ich sonst nur in Gruppen antreffe. Ich erfahre mit jedem Gespräch ein paar mehr persönliche Details, die ich vielleicht sonst nicht so schnell erzählt bekommen hätte. Die meisten freuen sich sehr über unsere Anrufe und melden sich auch selbst regelmäßig bei uns. Ich merke gerade in diesen Tagen, dass unsere Projekte viel mit der Verringerung von Einsamkeit zu tun haben. Einige wohnen alleine zu Hause und holen sich ihre sozialen Kontakte bei unseren oder anderen offenen Projekten.

Das Netzwerk erweiterte sich in dieser Zeit auch rasant – wir kontaktierten Initiativen zur Unterstützung von Risikogruppen, sprachen mit den Bezirksvorstehern von Liebenau und Jakomini sowie dem Senior*innenbund beider Bezirke. Zum Hilfs-Netzwerk zählen nach aktuellem Stand 50 verschiedene Kontakte, wobei auch Hotlines zu Corona-Infos und telefonische bzw. Online- Beratungsmöglichkeiten dazukommen.

Unser Hilfs-Netzwerk hat sich sehr schnell sowie spontan aufstellen lassen und erweitert sich laufend, wir stehen in regelmäßigem Kontakt zu alten sowie neuen Netzwerk-Partner*innen. Dieser Kontakt gestaltet sich meiner Ansicht nach intensiver als im Normalbetrieb. Ich finde sogar, dass die Menschen, mit denen ich derzeit in Kontakt trete, mit merkbar mehr Engagement und Hilfsbereitschaft dabei sind, als ich es vom Normalbetrieb gewohnt bin.

Zum Schluss möchte ich noch meine persönliche Erfahrung zum Thema Home-Office teilen. Ich verbrachte meine Telefondienst-Zeit und Recherche-Tätigkeit zu Hause, in einem kleinen WG-Zimmer, wenn ich mich nicht gerade im Stadtteilzentrum um die Pflanzen kümmerte oder am Grünanger den Müll einsammelte. Unsere Besprechungen, die wir zunächst täglich abhielten, ließen sich virtuell, als Videokonferenzen abhalten. Der telefonische Kontakt im Team untereinander wurde gefühlt gesteigert, um Projektneuigkeiten, To-Dos und Anpassungen auszutauschen. Unsere Dienst-Notebooks und -Mobiltelefone sind auf alle Fälle sehr hilfreiche Utensilien in Zeiten wie diesen. Einen zusätzlichen Laptop mussten wir uns anschaffen, damit die Home-Office-Möglichkeit für alle von uns gegeben ist. Was ich allerdings als etwas anstrengend empfand, war der nicht immer funktionierende Internetzugang zu Hause, da ihn auch andere Mitbewohner*innen nutzten. Damit war das Netz einfach überlastet und ließ mich zwischendurch eine längere Dokumentier- und Recherchepause einlegen, in der ich schließlich mehr telefonierte und mit mobilen Daten arbeiten musste. Dennoch empfinde ich das Arbeiten von zu Hause aus sogar produktiver als im Büro, da es ruhiger und weniger ablenkend ist. Ab dem 30.03.20 werde ich nun auch wieder ein paar Stunden in der Ordination übernehmen, aber immer noch 3 Tage die Woche, bis auf Weiteres, von zu Hause aus organisieren.

 

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Gustav Mittelbach

praktische Sozialmedizin und Psychotherapie

Ich arbeite seit 1984 als Allgemeinmediziner, praktischer Arzt und Psychotherapeut- und das immer mit anderen Gesundheits-Berufen unter einem Dach im SMZ.

Aber nie waren mir die Vorteile und das Privileg mehr bewusst als jetzt:

Wirklich beruhigend in einer Krise ist es, zu wissen, dass ich in einem multiprofessionellen Team arbeiten kann. Ich muss mir nicht allein mit meiner begrenzten professionellen Sichtweise als Arzt und Teamleiter des SMZ Lösungen für das Unvorhersehbare überlegen. Sondern ich kann darauf vertrauen, das andere Mitarbeiterinnen auf ihre persönliche und professionelle Weise originelle und praktische Ideen liefern und alle gleichzeitig anpacken (Nebenbei: Die eigenen Unsicherheiten und Ängste sind viel leichter auszuhalten, wenn ich sie im Team zugeben kann). Das beruhigt uns alle. Und das hilft uns als Team, weiter professionell handlungsfähig zu bleiben.

Aber Teamarbeit in der Krise braucht Zeit: Die Teamsitzung, um das psychosoziale SMZ-Hilfsnetz aufzubauen und die ärztliche Praxis auf einen ansteckungssicheren Modus umzustellen, dauerte 6 Stunden.

Als wir als Praxisteam am Ende der 1. Woche der Ausgangsbeschränkungen in Quarantäne gehen mussten, brauchten wir ebenfalls 6 Stunden, um uns mit neuen Handys und online-Diensten (insta-doc und teamviewer) auf eine online- und Telefon-Praxis umzustellen. Die neuen Lösungen halten auch noch am Ende der 3. Woche. Wir haben alle gelernt, uns in zahlreichen virtuellen Teamsitzungen  - manchmal täglich - auszutauschen.

Wir arbeiten weiter, vielleicht sogar intensiver als vorher, trotz Krankenstand unseres Geschäftsführers, trotz Doppelbelastung mit Home-Office, Betreuung schulpflichtiger Kinder und Einzelquarantäne.

Und wir haben nicht vergessen, dass wir neben persönlichen Befindlichkeiten und professioneller Umorientierung einen Versorgungsauftrag haben:

Einen Versorgungsauftrag als Hausarztpraxis für die Basisversorgung der Allgemeinbevölkerung und vor allem für chronisch Kranke, die immer schon - auch vor der Corona-Krise- eine besondere Risikogruppe darstellten.

Und einen Versorgungsauftrag für psychosoziale Arbeit im Süden von Graz für Menschen in Krisen, in schwierigen Lebensumständen, mit psychiatrischen und Suchterkrankungen, für schwer Erreichbare.

Diese Versorgungsaufträge können nicht heruntergefahren werden, wie vieles in unserem Land, sondern bleiben weiter aufrecht, wenn auch unter erschwerten Bedingungen!

Wir dürfen uns durch die Corona-Maßnahmen - so wichtig sie sind - nicht hypnotisieren lassen und alles andere vernachlässigen, sonst gefährden wir als Gesundheitsarbeiter*innen die besonders Gefährdeten!

Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen ist eingetreten, was vorauszusehen war:

Ängste, Schlafstörungen und Schmerzen nehmen zu, auch bei Herzkranken und Diabetiker*innen, deren Erkrankungen bleiben oft genauso problematisch wie zuvor. Bei Menschen in Krisen werden die Krisen stärker und die Selbsthilfe mit vermehrtem Alkohol und/oder Tablettenkonsum nimmt zu.

Noch ist es zu keiner sichtbaren Zunahme von Gewalt in Familien, von sozialer Auffälligkeit von Jugendlichen im öffentlichen Raum gekommen. Doch die Ausgangsverbote dauern an und diese Probleme hat es vorher gegeben und sie sind auch jetzt nicht verschwunden (Frage: wie machen Streetworker Home-Office?).

 

Aber: die Betroffenen schreien nicht auf, suchen weniger Hilfe, ziehen sich zurück-verständlich, das ist jetzt Pflicht.

Die chronisch kranken Älteren trauen sich ebenfalls nicht zu den Ärzt*innen, viele medizinische Einrichtungen machen dicht bis auf eine “Notfall”-Versorgung: wer macht dann die “Normal”-Versorgung?

Vielleicht überhaupt erstmals ist es verantwortungsvollen Basisversorger*innen aller Professionen klar:

  • Wir dürfen nicht warten, bis kranke, belastete Menschen eine Gefahrenlage, Defizite, Krisen, notwendige Kontrollen selbst erkennen und sich unter den jetzigen erschwerten Bedingungen trotzdem zu uns trauen (wie auch, wenn es Praxen gibt, wo vor der Türe steht “Zutritt verboten”!)
  • Neuaufnahme von Patient*innen in die Praxis: Nur in Notfällen? Nein! Da draußen gibt es noch viele, die eine Hausärztin benötigen und noch keine haben.
  • Wir müssen als Ärzt*innen aktiv (jetzt natürlich über Telefon) auf die uns bekannten chronisch Kranken zugehen, sie an Untersuchungen, Kontrollen, Labortests erinnern, sie beruhigen und aufmuntern, und auch aktiv Arztbesuche und Visiten anbieten (Regelmäßige wiederholte Telefon-Ordinationen und Gespräche mit den schon bekannten Personen UND gleichzeitig Offenhalten für Unvorhersehbares und Akutfälle).
  • Wir müssen als psychosoziale Helfer*innen, als Physiotherapeutinnen und Psychotherapeut*innen, Berater*innen unseren bisherigen Klient*innen telefonische Beratung UND persönliche Beratung im Bedarfsfall anbieten. Das haben wir in den letzten 3 Wochen schon intensiv getan.
  • Wir müssen und werden mit allen Klient*innen unserer Gesundheitsförderungsprojekte in den belasteten Stadtteilen weiter engen (telefonisch oder online) Kontakt halten.
  • Wir werden in diesen Stadtteilen- vernetzt mit anderen Helfer*innen weiter präsent sein. Es wird uns dafür viel einfallen müssen.
  • Wir machen auch weiterhin Sozialarbeits-Hausbesuche.
  • Wir müssen und werden gerade die chronisch Kranken und die schwer Erreichbaren in sozialen Randlagen erreichen. Die hatten schon vor der Krise ein höheres Risiko zu erkranken und vorzeitig zu sterben. Sie sind jetzt durch Corona noch mehr gefährdet.
  • Wir müssen die Isolation der Isolierten durchbrechen! (= viele Ältere, chronisch Kranke, Behinderte, Bewohner*innen der Altersheime, Sterbende in den Spitälern)
  • Wir müssen/werden unsere Praxen, Beratungsstellen, Organisationen offen und einladend halten und als Professionelle des Gesundheitswesens sichtbar bleiben.                                                         Sonst werden wir unseren eigenen Ansprüchen als Primary Health Care nicht gerecht.

 

PS: und wenn es uns schlecht geht, brauchen wir vielleicht selbst professionelle Hilfe, Beratung, Supervision. Wir helfen uns mit fachlicher Weiterbildung und Vernetzung (Danke allen Netzwerker*innen! -auch wenn ich nicht alles lesen kann und will!).

Wir helfen uns in unseren Beziehungen, mit sportlichen oder geistigen Freizeitaktivitäten. Und wir sind uns dabei hoffentlich bewusst, wie sehr wir selbst privilegiert leben- im Unterschied zu einem großen Teil unserer Klient*innen.

 

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Lisa Strozer

Gesundheitsförderung sowie Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit

Am 16.03., einem Montag, haben wir das SMZ-Hilfs-Netzwerk gegründet. Zu dieser Zeit befand ich mich seit zwei Tagen in amtlich verordneter Quarantäne. „Jetzt ist Home-Office angesagt!“, habe ich mir gedacht und mein Home zu meinem Office gemacht, also den Schreibtisch ins Schlafzimmer verfrachtet.

Nach dem Beschluss, dass wir das Netzwerk gründen, lief eigentlich alles wie am Schnürchen. Die Aufgaben wurden verteilt, jede und jeder wusste, was zu tun war und wir starteten voller Tatendrang. Meine Aufgaben waren, neben Projektteilnehmer*innen anrufen: die Hilfeliste und Excel-Dokumentation erstellen, Informationen auf der Homepage, als Newsletter und auf Facebook verteilen, an die Zeitungen schreiben und unsere Kooperations- und Netzwerkpartner*innen informieren und so weiter. Kurz gesagt: Vernetzen! Denn der gesundheitsförderliche Geist steckt auch in der Netzwerkarbeit.

Was mir besonders aufgefallen ist, war, dass wir als multiprofessionelles Team einen großen Vorteil hatten. Jede und jeder hat eine andere Sichtweise, kommt aus einem anderen Umfeld, denkt an etwas anderes und priorisiert anders. Deshalb waren die fast täglichen Besprechungen per Video so wichtig- das „Videofonieren“ war übrigens ebenfalls neu und hat Vor- wie Nachteile! So wurde regelmäßig im Team reflektiert und unser Vorgehen adaptiert. In dieser neuen Situation konnte das Potenzial der einzelnen Personen im SMZ in vollem Ausmaß ausgeschöpft werden! Ideen, Vorschläge und Ansichten sprudelten, alle dachten mit und machten mit, egal ob Mitarbeiter*in der Ordi, des Vereins oder der Familienberatung.

Aber wer sind die Menschen, denen wir helfen? Da ist zum Beispiel die Klientin, die nach einer Operation mobil eingeschränkt zu Hause sitzt und liegt. Die misstrauisch gegenüber Neuem und neuen Menschen ist und aufgrund ihres Alters und Erkrankungen jetzt auch noch zur Risikogruppe zählt. Eine lebhafte und sonnengebräunte Frau, die in ihrem Leben schon viel mitgemacht hat und sich nicht gerne etwas vorschreiben lässt. Wie sollte ich ihr begreiflich machen, dass sie wirklich nicht selbst einkaufen gehen sollte?! Schon alleine deshalb nicht, weil sie stürzen könnte. Viele Tage, Telefonate und Zusicherungen hat es gebraucht, um meine Kollegin schicken zu dürfen (ich war ja in Quarantäne). Jetzt ruft sie mehrmals die Woche an, mich und Diana, und erzählt viel über ihre Angststörungen, Sorgen, Schmerzen und ihren Tagesablauf. Und wie nebenbei sagte sie eines Tages, wie wichtig es sei, jemanden zu haben, den man immer anrufen kann, weil „sonst wär‘ i scho ghupft!“ und sprach sofort wieder von ihrem Nachbarn und wie lange sie ihn schon nicht gesehen hatte. Das hat mir wieder deutlich gemacht, dass die (vulnerablen) Menschen in dieser Zeit nicht alleine gelassen werden dürfen und wie ungemein wichtig Beziehungsarbeit ist!

Ich bin sehr stolz, einem so tollen Team in dieser Zeit anzugehören! Wir ergänzen uns und unterstützen uns und gleichzeitig lernen wir ununterbrochen Neues. So ein Team im Rücken zu wissen, gibt Ansporn und Motivation- so verkrafte ich die immer gleiche Aussicht in meinem Home-Office auch viel besser. Das Schlafzimmer-Büro hat übrigens einen Vorteil gegenüber dem 4-Schreibtisch-Büro in Liebenau: es ist ruhiger. Es hat aber auch einen Nachteil: es hat keine Kolleg*innen.

 

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Anna Hofmann-Wellenhof

Sozialarbeit und Familienberatung

Als die Covid19 in Österreich erstmals zum Thema wurde, hat dies weder beruflich noch privat zu großen Veränderungen für mich geführt. Kurze Zeit später wurde jedoch von der Regierung eine Ausgangsbeschränkung verhängt und es war klar, dass das Virus für alle Bürger*innen ein Thema sein würde.

An dem Wochenende vom 13. bis zum 15. März bekam ich viele dienstliche Mails, es gab zahlreiche Fragen zu klären. Am 16.03 haben wir, das Team des SMZ, das Hilfs-Netzwerk gegründet.

Seitdem läuft die Kommunikation größtenteils über unsere Diensthandies, die sich derzeit ganz besonders bewähren. Unsere wöchentlichen Angebote, die sich an größere Gruppen richten, können wir momentan natürlich in dieser Form nicht durchführen und geplante Veranstaltungen fallen naturgemäß aus. Dafür wird jetzt virtuell gemeinsam musiziert, Lieblingsrezepte werden ausgetauscht und die Gruppentreffen werden durch serielle Telefongespräche ersetzt. Denn uns war es von Anfang an ein großes Anliegen, dass wir unsere Klient*innen durch Telefonate weiterhin unterstützen können und ihnen bei Bedarf auch für persönliche Gespräche zur Verfügung stehen. Diese Konversationen geben Menschen, die in der Gruppe eher zurückhaltend sind, die Chance, von den eigenen Gedanken und Erlebnissen zu erzählen und wir lernen neue Seiten unserer Klient*innen kennen. Für einen Teil der Anrufer*innen ist es meiner Einschätzung nach leichter, sich am Telefon zu öffnen, da der Rahmen anonymer ist, als in einem persönlichen Gespräch.

Unsere Beratung richtet sich an jene Menschen aus den Bezirken Jakomini und Liebenau, die Unterstützung benötigen oder sich ehrenamtlich betätigen möchten. Wir telefonieren demnach auch viel mit unseren Netzwerkpartner*innen, an die wir Menschen vermitteln und die wiederum Anrufer*innen an uns verweisen. Meiner Wahrnehmung nach wird die Zusammenarbeit im Sozialbereich gerade gestärkt und Zusammenhalt wird besonders in dieser Situation großgeschrieben.

Ich bin sehr dankbar, dass ich Teil dieses großartigen Teams bin und wir durch unseren laufenden (internen und externen) Ideenaustausch auch jetzt gute Arbeit leisten können.

Jede Krise ist auch eine Chance.

 

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Carina Batek-Stipacek,

Gesundheitsförderung sowie Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit

Die Nachricht über das Maßnahmenpaket der Regierung bezüglich Covid-19 hat in mir gemischte Gefühle ausgelöst. Einerseits war die Vorstellung bis Ostern zu Hause zu bleiben und für die Kinder zu sorgen im ersten Moment gar nicht so unangenehm. Aber schon anfangs meldeten sich Gefühle der Unsicherheit und Verwirrung, wie das gemeint sein soll, zu Hause zu arbeiten und gleichzeitig Kindergarten und Unterricht zu gewährleisten. Ich hatte keine Vorstellung wie das in der Realität funktionieren sollte.

Es gab anfangs eine Informationsflut von anderen Schuleltern, Lehrer*innen, Kolleg*innen, Verwandten, Bekannten, Foren etc. Kaum überschaubar und unmöglich dadurch Klarheit über die eigene Situation zu bekommen. 

Diese große „Krise“ wurde zu meiner persönlichen Krise.

Nicht zu wissen, wie ich meiner Arbeit vernünftig gerecht werden sollte und wie ich am besten Home-Learning und Kinderbetreuung kombinieren sollte. Und dann waren da gleichzeitig Sorgen um die Gesundheit von Verwandten, Bekannten und meiner Familie einschließlich mir. Meine Überforderung war vorprogrammiert.

Noch dazu hatte ich das Gefühl, dass ich gerade JETZT, in so einer überregionalen Krisensituation, so viel als Gesundheitsförderin leisten könnte. Aber ich hatte einfach neben den Kindern und Haushalt, KEINE Zeit dafür, mich ideal einzubringen. Das frustrierte mich sehr. Insbesondere, weil ich bemerk(t)e, wie toll meine Kolleg*innen trotz allem zusammenarbeite(te)n und gemeinsame Ideen umsetz(t)en. Ich wollte auch mehr dazu beitragen.

In meiner Verzweiflung musste ich mit meinen Vorgesetzten und Kolleg*innen sprechen. Wir fanden eine Lösung, die mir eine große Last von den Schultern nahm, zumindest was den zeitlichen Rahmen meiner Arbeit betraf. Und mein Gehalt war mir weiterhin gesichert. Auch das große Verständnis für meine Situation und das tatsächliche Interesse an mir, reduzierte meine Last. Ohne ein so tolles Team wäre das nicht möglich gewesen. Jedoch bleibt bis jetzt ein wenig das Gefühl, momentan nicht ganz dazuzugehören – wegen meinen Pflichten der Kinderbetreuung. Die anfänglichen Schwierigkeiten bezüglich Kinderbetreuung und gleichzeitigem Schulunterricht wurden von Tag zu Tag geringer. Wir hatten uns nach ca. eineinhalb Wochen auf die neue Situation eingestellt und erarbeiteten gemeinsam einen Tagesplan. An dem konnten wir uns orientieren. Auch eine Pause und Spielzeit für den Jüngsten wurde eingeplant. Seitdem funktioniert unser familiäres Zusammenleben recht gut. Eine persönliche Entlastung für den Heimunterreicht war bzw. ist, dass täglich Hausaufgaben von der Schule zugesendet werden und wir die Mitteilung bekommen haben, dass diese Zeit hauptsächlich der Vertiefung und Wiederholung des Gelernten dienen sollte.

Mir ist wieder einmal aufgefallen, dass es wirklich Zeit braucht bis man sich neu strukturieren kann, um mit den Veränderungen umgehen zu können und in neue Rollen zu schlüpfen. Nicht nur wir Erwachsene brauchen diese Zeit, sondern auch unsere Kinder. Daher ist es wichtig sich selbst und von außen (Arbeitgeber, Schule, …) diese Zeit zu geben. Die Beschränkung der Informationsflut - und zwar von mir selbst – das Verständnis füreinander, die Möglichkeit Sorgen anzusprechen und ein gesichertes Einkommen zu haben sind sehr wichtige Ressourcen für mich in dieser Ausnahmesituation.