Gedenkarbeit zum ehemaligen NS-Lager Liebenau am Grünanger (2011-2017)

Als 2011 die besondere historische Situation (siehe Projektendbericht) am Grünanger als NS-Zwangsarbeiterlager bekannt wurde, war das Tabu des „traumatischen Ortes“ gebrochen. Erstmals war es BewohnerInnen des Grünangers möglich, ihre kollektive persönliche Geschichte auszusprechen (vgl. SMZ Info Sonderausgabe Gedenken 1945-2017, 2017).

Im Zuge unserer Arbeit in der Gesundheitsförderung war die Aufarbeitung der kollektiven Vergangenheit des Gebiets, in dem das SMZ seit 30 Jahren aktiv ist, eine wichtige Aufgabe. Aus unserer psychosozialen Arbeit mit Menschen, die durch vielfältige traumatische Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte beeinträchtigt und krank geworden sind, wissen wir, wie heilsam das Aufarbeiten der Vergangenheit sein kann. Nicht zuletzt haben die Forschungen vom Soziologen Aaron Antonovsky mit Überlebenden des Holocaust die Entwicklung gesundheitserhaltender (salutogener) Faktoren und gesundheitsförderlicher Grundsätze erst möglich gemacht. Auch die „kritische Medizin“, der sich das SMZ verpflichtet fühlt, hat bereits in den 1970er Jahren das bewusste Verschweigen und Verdrängen der NS-Verbrechen und ihrer Exponenten aufgedeckt.

Entscheidende Hinweise über den geschichtlichen Hintergrund des NS-Zwangsarbeiterlager Liebenau und dessen (Mord)Opfer kamen aus der Wohnbevölkerung des Grünangers. Persönliche Fotos aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren tauchten auf und BewohnerInnen gaben zahlreiche Zeitzeugeninterviews. In den vergangenen sechs Jahren konnte das SMZ unter der Leitung des ehemaligen Obmann, MR Dr. Rainer Possert, zahlreiche Meilensteine im Aufbau einer Erinnerungskultur vor Ort setzen: Jugendliche beteiligten sich an einem Kunstprojekt (2013) und Schulen an Gedenkveranstaltungen und Schulprojekten (2013, 2014, 2015, 2017). An den vier, vom SMZ organisierten, Gedenkveranstaltungen (2013, 2014, 2015, 2016) und zahlreichen themenbezogenen Vorträgen (2011, 2012, 2014, 2015, 2016) nahmen Stadt-und LandespolitikerInnen, VertreterInnen der israelitschen Kultusgemeinde, BotschafterInnen, ExpertInnen, KünstlerInnen, VertreterInnen der MedUniGraz und der steirischen Zivilgesellschaft teil. Sogar das Kulturfestival La Strada befasste sich mit der Geschichte des Ortes (2015).

Mit der Zusage des Grazer Bürgermeisters Mag. Sigfried Nagl eine Mahnstätte vor Ort zu errichten (1) hat das SMZ eine der prioritären Forderungen im Aufbau einer Erinnerungskultur erreichen können. Mit der Erfüllung dieser zentralen Forderung und dem Ausscheiden des ehemaligen Obmann, MR Dr. Rainer Possert, aus dem SMZ im Oktober 2017 beendet das SMZ die Aktivitäten im Rahmen der Gedenkkultur. Diese werden von der Gedenkinitiative Graz-Liebenau weiter getragen.

Details zur Gedenkarbeit des SMZ finden Sie in Kürze im hier veröffentlichten Projektendbericht.

(1) “Graz bekennt sich klar zu seiner Geschichte, geht hier glaube ich anders um, als andere Städte - und mir ist es ganz wichtig, dass diese Verbrechen klar dokumentiert werden und wir den Menschen, die damals in Graz gelitten haben oder sterben mussten, eine Mahnstätte errichten und ihrer würdig gedenken“, so der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) (Quelle: ORF Steiermark 11.8.2017)