2017: Wie umgehen mit Gedächtnisorten im sozialen Kontext?

Stellungnahme des Sozialmedizinisches Zentrums Liebenau (SMZ) zu baulichen Maßnahmen am Grünanger

Wie umgehen mit Gedächtnisorten im sozialen Kontext?

Stellungnahme des Sozialmedizinisches Zentrums Liebenau  (SMZ) zu baulichen Maßnahmen  am Grünanger

„Gedächtnisorte verhindern Vergessen, aber zuvor muss man sie erst einmal dazu machen. Wer identifiziert, bestimmt, markiert sie? Es ist ja keineswegs so, dass diese Orte uns anrufen: 'Hier bin ich; ich bin Zeuge und Mahnmal einer Geschichte, die nicht vergessen werden darf!' Wenn man sich um diese Orte nicht kümmert, geht das Leben über sie hinweg und verwischt die Spuren. Historische Gebäude werden abgerissen, umgebaut oder durch neue Nutzung unkenntlich gemacht...... Durch bauliche Relikte können Spuren des Megaverbrechens gesichert werden. Diese materiellen Reste haben eine wichtige historische Beweiskraft, sie konkretisieren diese Ereignisse für die Nachwelt und stützen unsere Erinnerung ab,“ Aleida Assmann in ihrer Rede im Landtag von Baden-Württemberg am 27. Januar 2012. („Die transformierende Kraft der Erinnerung “)

Mögliche Fundstellen von Massengräbern am Grünanger

Der „Grünanger“ und benachbarte Gebiete liegen im Bereich eines ehemaligen Zwangs-arbeiterlagers, in dem im April 1945 Massenmorde an ungarischen Juden mit unbe-kannter Opferzahl (mindestens 53 bis zu mehreren Hundert) verübt wurden  Auf Grund vorliegender Gutachten (Luftbildatenbank Dr. Carls 2013, Dekanin Univ. Prof. Theune-Vogt 2014, 2015, DI Fuxjäger 2016) sind mögliche Tatorte (Bombentrichter, Gruben, Erdanhäufungen, Bunker) und mögliche Massengräber genau definiert und könnten bei entsprechendem Willen der Grundeigentümer (Stadt Graz, Fa. Kovac-Immobilien, Hatzl)  jederzeit archäologisch untersucht werden.

Archäologische Bodenfundstätte Grünanger als „kontaminierter“ und „traumatischer“ Ort

Der Grünanger ist mittlerweile als „archäologische“ Bodenfundstätte im Flächenwid-mungsplan der Stadt Graz ausgewiesen. Damit wird vom BDA unterstrichen, dass es im Rahmen jeglicher Bauarbeiten möglich ist, archäologische Artefakte, Bausubstanz (Bun-ker, Fundamente von Baracken u.ä.) sowie menschliche Überreste aufzufinden, wie beim Neubau des Kindergartens der Stadt Graz 1991. Bei dem bezeichneten Gebiet, insbesondere im Bereich des ehemaligen Lagerareals, handelt es sich um eine „kontaminierte“ Zone (1), einen „traumatischen“ Ort, einen „Gedenkort“ und einen “Ort der Erinnerung (2).

Archäologische Funde

Im Rahmen der Begleitarbeiten zum Murkraftwerk wurden zahlreiche archäologische Funde am Grünanger gemacht, sogar Strukturen bei Bauarbeiten zu einem Jugendzentrum (WIKI) unter Denkmalschutz gestellt, die eine Umplanung notwendig machen.  Es ist jedoch grundsätzlich immer damit zu rechnen, dass Opferfunde gemacht werden. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass seit der nicht durchgeführten und jedoch 1991 vorgeschriebenen Unterkellerung des Kindergartens bei allen! Neubauten ausdrücklich keine Unterkellerungen vorgesehen waren und noch immer sind. Völlig ungeklärt ist, ob im Kindergartenbereich und angrenzenden Areal weitere Opfer vergraben wurden.

Auch hier gilt: Bei entsprechendem Willen der Stadt Graz könnte der Sachverhalt jederzeit geklärt werden.

Ethische Fragestellung im Umgang mit sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen

Inwieweit Bebauung in solchen Gebieten ethisch gerechtfertigt ist, muss diskutiert werden können, vor allem, wenn es um die Ausübung sozialen Zwangs geht, der darin besteht, dass zukünftige Bewohnerinnen auf Grund ihrer sozialen Notlage die Wohnungen gewissermaßen nehmen „müssen.“

Die Besiedlungspolitik am Grünanger scheint noch heute von einem Wiederholungszwang getragen zu sein, in dem die Ärmsten der Gesellschaft, wie 1945 in den alten Nazi-Baracken - heute auf entsprechend höherem Niveau - in Billigwohnbauten angesiedelt werden. Aufgraben, zuschütten, überbauen, besiedeln. Die Gebäude wurden und werden auf  mit „Altlasten“ (so im Kaufvertrag der Stadt Graz mit Steyr-Daimler-Puch 1945) versehenem, öffentlichen Grund errichtet.

2015 erhielt das Institut für Städtebau an der technischen Universität (DI Ernst Rainer) einen Auftrag vom Wohnungsamt der Stadt Graz zur städtebaulichen Planung des Areals, dabei war in korrekter Weise eine öffentliche Diskussion auch über den historischen Aspekt vorgesehen, die Planung wurde jedoch nie publiziert (3).

2016 wurde ohne jede öffentliche Diskussion und unter Verschwiegenheitspflicht der geladenen Architekten ein Wettbewerb ausgeschrieben. Obwohl die Ergebnisse des Wettbewerbs seit Dez. 2016 vorliegen, wurden sie bis dato offiziell unter Verschluss gehalten, um „Unruhe zu vermeiden.“  Diese noch unter Stadträtin Kahr beschlossene Vorgangsweise entspricht weder demokratischen noch partizipativen Grundsätzen, sondern hatte das Ziel, sowohl BewohnerInnen des Viertels, als auch befasste soziale Einrichtungen von jeglicher Mitsprache auszuschließen. In der im Internet verfügbaren Version des Urteils des Preisgerichtes wird die „Geschichte des Ortes“ mit keinem Wort erwähnt (4).

Selbstbefähigung (enabling), Anwaltschaft (advocating) und Selbstermächtigung (empowerment) als Voraussetzung für Gesundheit (OTTAWA-Charter der Weltgesundheitsorganisation ) (5) -  Gesundheitsförderung am Grünanger

Das SMZ – Liebenau hat seit 30 Jahren PatientInnnen am Grünanger medizinisch, psychotherapeutisch, sozialarbeiterisch und mit Hauskrankenpflege betreut, war mit zahlreichen Kriseninterventionen befasst und hat auf wissenschaftlicher Grundlage im Auftrag unterschiedlicher Ressorts der Stadt Graz und des Landes Steiermark Gesundheitsförderungsprojekte und Projekte der Stadteilarbeit, Commmunity-Building und zuletzt Siedlungsbetreuung durchgeführt. Diese Projekte hatten und haben das Ziel, die Bewohnerinnen des Grünangers in ihren sozialen Anliegen zu unterstützen, zu entstigmatisieren und ihre Gesundheit zu fördern. Sie wurden in Kooperation mit lokalen und städtischen Akteuren und Stake-Holdern mit Erfolg durchgeführt (u.a. Polizeiinspektion Liebenau, Hauskrankenpflege, Sozialamt, Wohnungsamt, Amt für Jugend und Familie, Pfarre Graz Süd, Apotheke, Bezirksvorsteher, Caritas, Streetwork, Inst. Kunst im öffentlichen Raum, La-Strada Graz, soziologisches Institut Uni Graz, Fachhochschulen...)

An dieser Stelle muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die BewohnerInnen (u.a. Roma, Jenische), aber auch psychisch Kranke in der Vergangenheit immer wieder dem „Glasscherbenviertel“ zugeordnet und als „Gesindel“ bezeichnet und so diskriminiert wurden.

Seit 2006 betreibt das SMZ eine Außenstelle als „Stadtteilzentrum Grünanger“ – Andersengasse 32 -34, hat einen Gemeinschaftsgarten errichtet und die abgezogene städtische Sozialarbeit des Sozialamtes ersetzt.

Die Projekte des SMZ am Grünanger waren und sind gesundheitswissenschaftlich begründet und beruhen im Wesentlichen auf den Grundsätzen der WHO, wie sie in der „Ottawa-Charter“ formuliert sind:

„Grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit sind Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Öko-System, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Jede Verbesserung des Gesundheitszustandes ist zwangsläufig fest an diese Grundvoraussetzungen gebunden“.

Damit diese Voraussetzungen erhalten bzw. geschaffen werden, ist aktives anwaltschaftliches Verhalten notwendig, darüber hinaus müssen Menschen befähigt werden, ihre gesundheitlichen und sozialen Interessen zu vertreten, so die WHO: “Menschen können ihr Gesundheitspotential nur dann weitestgehend entfalten, wenn sie auf die Faktoren, die ihre Gesundheit beeinflussen, auch Einfluss nehmen können.“  

 Darüber hinaus hat das SMZ die Projekte entsprechend den Förderrichtlinien des  Landes und der Stadt Graz genau dokumentiert, evaluiert und laufend im SMZ-INFO publiziert.

„Das (herkömmliche) Krankheitsmodell nimmt keinen Bezug auf jene komplexen, nicht vorhersehbaren Faktoren wie Geschichte und Politik, die Herausforderungen für Gesundheit darstellen“ (6)

„Um Gesundheit aus einer soziokulturellen Perspektive zu verstehen, muss die Wichtigkeit von Religion, Tradition, Politik, Ökonomie, Geschichte, Ökologie, Technologie und der Wissenschaftsbegriff der Gesellschaft verstanden werden, mit der das Wohlbefinden einer Person beeinflusst wird“ (7,8)

Gesundheitsförderung und Gedenkkultur

Als seit 2011 die besondere historische Situation am Grünanger als NS-Zwangsarbeiterlager und Mordstätte bekannt wurde, war das Tabu des „traumatischen Ortes“ gebrochen und ermöglichte den Bewohnerinnen des Grünangers zum ersten Mal, ihre kollektive persönliche Geschichte auszusprechen. So kamen die entscheidenden Hinweise über NS-Mordopfer aus der Wohnbevölkerung des Grünangers, es tauchten persönliche Fotos aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren auf, Jugendliche beteiligten sich an einem Kunstprojekt, ja sogar das Kulturfestival La Strada befasste sich mit der Geschichte des Ortes. Wenn nunmehr das öffentliche Interesse auf den Grünanger gerichtet war, so geschah dies nicht mehr aus Gründen rassistischer und sozialer Diskriminierung der Bewohnerinnen, sondern aus Solidarität mit den Opfern und Abscheu gegenüber den TäterInnen und der Sympathie den Bewohnerinnen gegenüber, die jahrzehntelang Tabus ausgesetzt waren. Dies konnte ihn zahlreichen persönlichen Gesprächen dokumentiert werden.

Wenn die WHO feststellt, dass Menschen ihr Gesundheitspotential nur dann weitestgehend entfalten können, wenn sie auf die Faktoren, die ihre Gesundheit beeinflussen, auch Einfluss nehmen können, so ist auch ausreichend plausibel, dass das kollektive Erinnern und Bewältigen der traumatischen Ereignisse, welches das Gedenken an die Opfer und die Verurteilung der Täter miteinschließt, einen positiven Einfluss auf soziale Interaktion des Kollektivs und auch auf individueller Ebene hat. Auf der Ebene des Individuums ist die Mehrgenerationen-Perspektive in der systemischen Therapie ausreichend begründet:

Der Blick auf die Rolle der Vorfahren hat in den vergangenen Jahren vor allem das Erbe der Herkunftsfamilien aus dem Dritten Reich erhellt – wir alle sind in der zweiten, dritten und vierten Generation Angehörige von Verfolgten, Vertriebenen oder Tätern. Hier verbergen sich oft ein verschwiegener Schmerz und Trauer, auch verleugnete oder versteckte Schuldgefühle. In vielen Familien hat dies Spuren hinterlassen, und ihre Auswirkungen auf die Kriegs- und Nachkriegskinder und -enkel werden erst seit einigen Jahren öffentlich thematisiert“

(http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/familienbande-vorfahren-in-der-psychotherapie/-/id=660374/did=17258252/nid=660374/8a2rnc/index.html)             

MR Dr. Rainer Possert

(Obmann)

Anhang: Wissenschaftliche Arbeiten in Zusammenhang mit dem Wohngebiet Grünanger:

"Stadtteilbezogene Gesundheitsförderung. Eine empirische Analyse über eine Maßnahme im Setting Stadtteil: Brunch am Grünanger." (2014 Kerstin Nestelberger)

"Sozialmedizinisches Zentrum Liebenau - gelebtes Konzept gesundheitsförderlicher, interdisziplinärer Primärversorgung im kommunalen Setting" (2013) Annemarie Brunner

"Integrative Gesundheitsversorgung am Beispiel des SMZ Liebenau - Ein Modell für die Zukunft?" (2012) Matthias Urlesberger

"Urbane Problemlagen in den Stadtteilen Schönauviertel und Grünanger" (2009) Studienprojekt "Interdisziplinäre Vertiefung: Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse - Stadtsoziologie" Kolbábek Andreas, Neumann-Rieser Birgit, Sammer Markus, Nopp Michaela, Windhaber Agnes, Winkelmayer Carina, Engel Dario, Verlic Mara

"Die organisationalen Potentiale zur Reduktion sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit durch Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention in Österreich.
Ein Handlungsfeld Sozialer Arbeit?" (2009) Christoph Pammer

"Ganz normal eben". Soziokulturelle Aspekte des Alltags von SubstitutionspatientInnen (2006) Dr.in Angela Simone Huber

Raumpotententiale am Grünanger, Diss., Dr.in Saskia Dyk, 2003

Jugend in Liebenau – Eine Analyse der spezifischen Lebenslagen der Jugendlichen in Liebenau (2002)

Gesundheitsbericht Liebenau – Wie gesund ist Liebenau? (2001)

Wohn- und Lebensqualität marginalisierter Bevölkerungsgruppen am Grünanger (2001)

Quellen:

(1) Martin Pollak, Kontaminierte Landschaften.  Residenz Verlag, Wien 2014

(2) Aleida Assmann, u. a: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. C. H. Beck, München 2006.,

(3) https://online.tugraz.at/tug_online/fdb_detail.ansicht?cvfanr=F35555&cvorgnr=37&sprache=1

(4) https://www.competitionline.com/de/ergebnisse/253067

(5) http://www.who.int/healthpromotion/conferences/previous/ottawa/en/

(6) The disease model does not address the complex, highly unpredictable factors that also create challenges to health, such as history and politics.“ (vgl. Armenakis, Kiefer, 2007)

(7) „Understanding health from a sociocultural perspective means that you factor in the importance of religion, tradition, politics, economics, history, ecology, technology, and a society’s view of science in influencing a person’s well-being.“ (ebd.)

(8) „Settings for health promotion: Linking theory and practice“ unterstreichen die Autoren ebenfalls die Wichtigkeit von geschichtlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontexten und Prozessen. (vgl. Poland, Green, Rootman)

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pdf, 561.1K, 06-06-2017